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Isidor Mautner: Aufstieg und Fall eines Textil-Imperiums (Podcast #044)

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Aktualisiert am 24. März 2026.

Isidor Mautner war Anfang des 20. Jahrhunderts einer der mächtigsten Textilindustriellen Europas – mit 42 Fabriken, 23.000 Beschäftigten und Handelsbeziehungen bis Asien und Südamerika. Wie er vom kleinen Verleger-Sohn aus Böhmen zum Milliardär aufstieg und am Ende wieder alles verlor, erzählt diese Podcastfolge.

Titelbild: Isidor und Jenny Mautner als älteres Paar in den 1920er-Jahren. Aus: „Das andere Leben. Fotografien von Konrad Mautner“. Mit freundlicher Genehmigung von Birgit Johler.

  • Meine Geschichte begann mit einer Exkursion nach Marienthal im September 2023: https://www.volkskundemuseum.at/exkursion_2023-09-13
  • im Rahmen der Ausstellung „Gesammelt um jeden Preis: Warum Objekte durch den Nationalsozialismus ins Museum kamen und wie wir damit umgehen “ im Volkskundemuseum Wien, 2023: https://www.volkskundemuseum.at/gesammelt_um_jeden_preis
  • Die berühmte Studie von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld & Hans Zeisel von 1933: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit. Leipzig: Hirzel. Neuere Auflagen sind im Suhrkamp Verlag erschienen.
  • Wolfgang Hafer: Die anderen Mautners: Das Schicksal einer jüdischen Unternehmerfamilie, 2. Auflage 2023. Als Hardcover im Selbstverlag bei Amazon on demand. ISBN: 979-8393395667
  • Birgit Johler (Hg.): Das andere Leben. Fotografien von Konrad Mautner. Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im Volkskundemuseum am Paulustor 21.1.2024–30.06.2024, sowie im Museum Stad Bad Ischl, 18.7.2024–30.11.2024. Graz, Universalmuseum Joanneum 2024. ISBN: 978-3-903179-71-4
  • Ausstellung „Das andere Leben. Fotografien von Konrad Mautner“ im Volkskundemuseum Graz 2024. https://www.museum-joanneum.at/volkskunde/unser-programm/ausstellungen/event/das-andere-leben
  • Ausstellungen im Geymüller Schlössl als Expositur des MAK Wien: https://www.mak.at/programm/ausstellungen/die_geschichte_des_geymuellerschloessels
  • 00:00:00 Intro
  • 00:01:08 Warum „Die anderen Mautners“?
  • 00:03:03 Anknüpfungspunkte: Exkursion nach Marienthal, Ausstellungen in Wien und Graz
  • 00:10:03 Die Produktpalette der Mautnerschen Betriebe
  • 00:12:59 Der kleine Beginn in Nachód in Böhmen
  • 00:15:23 Expansion und Erfolge im Textilgeschäft
  • 00:20:54 Die Herausforderungen des Ersten Weltkriegs
  • 00:23:17 Finazielle Risiken: Börsegang, Banken-Crash
  • 00:27:07 Isidors Kinder
  • 00:30:49 Jenny Mautners Salon
  • 00:33:26 Das Geymüller Schlössl, Expositur des MAK
  • 00:35:59 Schicksale im zweiten Weltkrieg
  • 00:37:29 Das Erbe der Mautners und ihre Sammlungen
  • 00:40:24 Weiterführende Themen
  • 00:44:20 Outro

Von der Handweberei zum Textilimperium – und zurück: Die Geschichte von Isidor Mautner

Wer in Österreich den Namen „Mautner“ im Zusammenhang mit Industrie hört, denkt meistens an die Essige, Marmeladen und Fruchtsirupe der Firma Mautner-Markhoff. Aber da gibt es noch eine andere Familie Mautner, eine, die fast vollständig in Vergessenheit geraten ist. Es sind „Die anderen Mautners““, wie das Buch des Historikers Wolfgang Hafer so treffend heißt: Die Mautners aus der böhmischen Provinz, deren Geschichte eine der faszinierendsten Unternehmererzählungen Mitteleuropas ist.

Alles beginnt in Nachód, einer Kleinstadt im Osten Böhmens. Dort macht sich Isaak Mautner Mitte des 19. Jahrhunderts als Verleger selbstständig – er beliefert Handweber mit Garnen und vermarktet ihre Produkte. Sein Sohn Isidor, 1852 geboren, körperlich klein, aber von unglaublichem Geschäftssinn, begleitet schon im zarten Alter von 15 Jahren zum ersten Mal einen Prokuristen nach Wien, wo jede Firma vertreten sein muss, die den wirtschaftlichen Aufschwung der k.u.k.-Monarchie mitmachen will.

Den ersten großen Beweis seiner Fähigkeiten liefert er 1874, als der Börsenkrach das Familienunternehmen erschüttert: Der 22-Jährige verhandelt Verträge neu, rettet das Unternehmen und wird als gleichberechtigter Teilhaber in die Firma Mautner & Sohn aufgenommen. Zwei Jahre später heiratet er die Tochter eines reichen Wiener Seidenhändlers – eine gute Partie, die ihm das Kapital für den nächsten Schritt verschafft: Den Kauf einer mechanischen Weberei in Schumburg an der Neiße, mit über 100 Webstühlen.

Was dann folgt, ist eine Expansionsgeschichte, die ihresgleichen sucht. 1876 kaufen sie eine weitere Firma mit 108 Webstühlen. 1880 haben sie bereits 550, fünfzehn Jahre später über 1.100 Webstühle. Mit 26 Jahren sichert sich Isidor den Liefervertrag für alle Baumwollartikel der österreichischen Landwehr – eine, wie Hafer es nennt, „reinste Gelddruckmaschine“. Er baut die Produktionskette Schritt für Schritt aus: Spinnereien, Bleichereien, Färbereien, Appreturanlagen, eine Konfektionsanstalt in Wien, Packstationen für den internationalen Versand. Kaiser Franz Josef besucht persönlich die Anlagen in Wien. Das Sortiment reicht von einfachen Baumwollgeweben über Cordsamt und Damast bis zu Uniformtuch und Zeltstoff für das Militär.

1911 ist Isidor Mautner am Ziel: 42 Betriebe, 23.000 Beschäftigte, Fabriken von Böhmen bis Bulgarien, Handelsbeziehungen bis Asien und Südamerika. Sein Vermögen wird auf hunderte Millionen Kronen geschätzt – in heutiger Rechnung ein mehrfacher Milliardär.

Dann kommt der Erste Weltkrieg. Der Baumwollimport bricht zusammen. Isidor reagiert mit bemerkenswerter Kreativität: Er stellt auf Spinnpapier um, kauft Papierfabriken und produziert Kleidung aus Papiergarnen – einige davon lagern heute noch im Technischen Museum Wien.

Nach dem Krieg muss er den Konzern neu organisieren: Die k.u.k.-Monarchie ist zerfallen, seine Fabriken liegen plötzlich in verschiedenen Nachfolgestaaten mit eigenen Währungen, Zöllen und Gesetzen. Noch einmal gelingt ihm die Anpassung. Aber dann folgt der entscheidende Fehler: Er beteiligt sich an der Gründung einer neuen Wiener Bankgesellschaft, die 1926 bankrott geht. Isidor verliert seine gesamten Immobilien, die er als Haftung hinterlegt hat.

Mit 73 Jahren wagt er noch einmal einen letzten Befreiungsschlag – die Übernahme der Weberei in Marienthal, wo er Kunstseide produzieren will. Doch auch das scheitert. 1930 stirbt Isidor Mautner, und aus allen Positionen verdrängt. Das Geymüller Schlössl in Pötzleinsdorf, das er einst seiner Frau Jenny zum 32. Geburtstag geschenkt hatte, ist verpfändet. Jennys legendärer Kunstalon – wo Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal regelmäßig ein- und ausgingen – ist Geschichte.

1938, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Österreich, wurden die verbliebenen Familienangehörigen enteignet. Die meisten flohen nach England und in die Schweiz. Sohn Stefan und seine Frau Else wurden von Ungarn aus nach Dachau und Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Was von dieser Geschichte übrig geblieben ist? Die Sammlungen der Mautners sind heute wichtiger Bestandteil der Volkskundemuseen in Wien und Graz. Die Sommerresidenz der Mautners, das „Geymüller Schlössl“ in Pötzleinsdorf ist heute eine Expositur des MAK und an Sommersamstagen und -sonntagen für Besucher geöffnet. Und einige Stoffmusterbücher aus den Mautnerschen Fabriken, auf denen „Isaak Mautner und Sohn, Schumburg und Nachód“ steht, lagern im Depot des Technischen Museums Wien, wo auch ein original Northrop-Webstuhl aus der Produktion ausgestellt ist.

Die Geschichte der Mautners ist eine Geschichte von unternehmerischem Mut und sozialer Verantwortung, von Kunst und Kultur, von Anpassungsfähigkeit und schließlich von Verlust – durch eigene Fehler, durch historische Umwälzungen, und nicht zuletzt durch die Verfolgung eines totalitären Regimes. Es ist höchste Zeit, dass diese anderen Mautners wieder ins Bewusstsein rücken.

Schlagworte

Textilgeschichte, Industriegeschichte Österreich, k.u.k. Monarchie, Habsburgermonarchie, Textilimperium, Böhmen, Marienthal, jüdische Unternehmergeschichte, Baumwollindustrie Salzkammergut, Isidor Mautner, Konrad Mautner, Volkskundemuseum Graz


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