Aktualisiert am 24. Februar 2026.
Der Harvard-Historiker Sven Beckert zeichnet in seinem Buch „Empire of cotton“ (dt. „King Cotton“) die Geschichte des globalen Baumwollhandels nach und erzählt damit gleichzeitig die Geschichte des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Constanze Derham hat das Buch gelesen, und erzählt Gabriele Brandhuber in dieser Podcastfolge von ihrer spannenden Lektüre.
Die Sklavenhaltergesellschaft des US-amerikanischen Südens, Kinderarbeit in den Baumwollspinnereien und -webereien der englischen Midlands, globaler Handel, schneller technologischer Fortschritt, aber auch Ausbeutung und Kriege: Wer sich mit der Geschichte der Baumwolle und ihrem Aufstieg zur billigen, allgegenwärtigen Textilfaser in Europa beschäftigt, dem sind diese Stichpunkte sicher nicht neu. Sven Beckert nimmt darauf eine globale wirtschaftsgeschichtliche Perspektive ein und verknüpft diese Einzelphänomene zu einer zusammenhängenden Erzählung des weltweiten Baumwollhandels, dessen Entwicklung mit der des globalen Kapitalismus parallel läuft.
Titelbild: USDA (US Department of Agriculture) in den 1940er Jahren, ein Arbeiter an einer Baumwoll-Egreniermaschine, die die Samenkörner aus der Baumwolle entfernt.
Lektüre empfohlen!
Das Buch auf Englisch: Sven Beckert (2015): Empire of Cotton. A History of Global Capitalism. Penguin Press. ISBN 978-0141979984
Und auf Deutsch: Sven Beckert (2019): King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus. C.H. Beck. ISBN 978-3406732423
Weiters haben wir in dieser Podcastfolge erwähnt:
- Unsere Podcastfolge #016: Baumwolle und Kapitalismus
- Fabian Scheidler (2015): Das Ende der Mega-Maschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation. Promedia. ISBN 978-3853713846
- Sven Beckert (2025) : Capitalism. A Global History. Penguin Press. ISBN 978-0735220836
- Oliver Burkeman (2022): 4000 Wochen. Das Leben ist zu kurz für Zeitmanagement. Piper. ISBN 978-3492058162
- Das Stoffdruckmuseum: Musée d’impression sur étoffes in Mulhouse, Frankreich. Mulhouse wurde als „Birmingham Frankreichs“ bezeichnet und pflegte enge Beziehungen zur englischen Textil-Metropole.
- 00:00:00 Begrüßung
- 00:01:29 Die Geschichte der Welt erklärt anhand der Baumwolle
- 00:04:07 Die Rolle der Sklaverei im Baumwollhandel
- 00:04:52 „Kriegskapitalismus“
- 00:06:17 Entwicklung von Marktmechanismen und Termingeschäften
- 00:09:52 England, Liverpool
- 00:10:32 Die Arbeitsbedingungen verbessern sich, die Industrie wandert ab
- 00:11:13 Baumwollverarbeitung in Indien vor und nach der britischen Herrschaft
- 00:13:23 Strukturen, die unser Leben heute bestimmen, sind auch einmal entstanden
- 00:14:45 Arbeitszeit und Lebenszeit
- 00:18:23 Wirtschaftliche Verflechtungen der Baumwolle
- 00:22:56 Die Rolle der Textilproduktion in der Globalisierung
- 00:25:43 Nachhaltigkeit und Recycling in der Textilindustrie
- 00:32:20 Globale Produktionsstandards und ihre Herausforderungen
- 00:33:38 Ausblick auf zukünftige Themen und Diskussionen
- 00:37:44 Zusammenfassung und Abschluss
Baumwollhandel und Kapitalismus entwickeln sich Hand in Hand
Was hat eine Baumwollpflanze mit Börsentermingeschäften, dem Amerikanischen Bürgerkrieg und der Fast-Fashion-Krise von heute zu tun? Mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. In dieser Folge des Textilportal-Podcasts sprechen Constanze Derham und Gabriele Brandhuber über das Buch „Empire of Cotton – A New History of Global Capitalism“ (auf Deutsch: „King Cotton – Eine Geschichte des globalen Kapitalismus“) von Sven Beckert, Wirtschaftshistoriker an der Harvard-Universität. Und das Gespräch entwickelt sich zu einem Streifzug durch Jahrhunderte der Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte – mit Ausläufern bis in die Gegenwart.
Beckerts Kernthese ist so schlicht wie verblüffend: Wer die Geschichte der Baumwolle versteht, versteht auch die Geschichte des Kapitalismus. Denn die globalen Handelsverflechtungen, die wir gerne als Errungenschaft des späten 20. Jahrhunderts betrachten, haben ihre Wurzeln bereits im 17. Jahrhundert – und die Baumwolle steht dabei im Mittelpunkt. Rohstoff, Handelsware, politisches Instrument, Ausbeutungswerkzeug: Die weiße Faser trägt viele Gesichter.
Beckert unterscheidet in seinem Buch zunächst eine erste Phase, die er „War Capitalism“ (Kriegskapitalismus) nennt. Die wirtschaftliche Expansion Europas, vor allem Großbritanniens, war von Beginn an mit Gewalt, Kolonisierung und Sklaverei verknüpft. Die Baumwollplantagen in Nordamerika, betrieben mit verschleppten afrikanischen Zwangsarbeitern, bildeten das Fundament eines Reichtums, der Europa im 18. und 19. Jahrhundert zur dominanten Weltmacht machte. Das atlantische Handelsdreieck – Stoffe und Waren nach Afrika, Sklaven nach Amerika, Baumwolle und Zucker zurück nach Europa – war so effizient wie gnadenlos. Baumwolle konnte ihren Siegeszug also nicht trotz, sondern wegen dieser ausbeuterischen Grundlage antreten.
Besonders aufschlussreich ist, wie früh sich die uns heute vertrauten Marktmechanismen herausbildeten. Schon im 17. Jahrhundert entstanden in Europa die ersten Waren-Termingeschäfte: Händler kauften zukünftige Baumwollernten zu festgelegten Preisen und spekulierten auf Kursgewinne. Wer nicht das Kapital für ein ganzes Schiff hatte, konnte Anteile an Schiffsladungen erwerben – eine frühe Form der Kapitalanlage. Und um die Risiken dieser Überfahrten abzusichern, entstanden die ersten Warenversicherungen. Die Baumwollbörse in Liverpool, gegründet Mitte des 18. Jahrhunderts, wurde zum globalen Handelszentrum. All das klingt verblüffend vertraut – und das soll es auch: Beckert zeigt, dass unsere Wirtschaftsstrukturen keine Naturgesetze sind, sondern historische Konstrukte, die zu einem bestimmten Zeitpunkt entstanden sind und Interessen dienten.
Großen Raum nimmt auch der Blick nach Indien ein, wo es seit Jahrhunderten eine hoch entwickelte Baumwollindustrie gab. Feine indische Baumwollstoffe waren im 18. Jahrhundert ein Luxusgut in Europa. Großbritannien zentralisierte diese kleinteilige, aber ausgefeilte Produktionsstruktur, zwang die Bauern zur Monokultur und ruinierte schließlich die indische Textilindustrie – indem es in Großbritannien mit Maschinen massenhaft billiger produzierte und die Stoffe dann zurück nach Indien exportierte. Ein Muster, das sich bis heute wiederholt.
Gabriele und Constanze schweifen im Gespräch auch in die Gegenwart ab: Die europäische Textilindustrie verliert Produktionsstandorte nach Asien, Second Hand Kleidung landet in der Atacama-Wüste (Chile) oder in Accra (Ghana), innovative schwedische Start-ups, die aus alter Baumwolle hochwertige Viskose recyceln, scheitern an der Finanzierungsrunde – weil recycelte Fasern immer noch teurer sind als neu produzierte Billigbaumwolle. Und eine deutsche Schuhmarke, für ihre europäische Produktion geschätzt, verlegt einen Teil der Fertigung nach Vietnam und bewirbt das mit einem YouTube-Video über helle Fabrikhallen – aber ohne ein Wort über die Umweltkosten der langen Transportwege und den Verlust an handwerklichem Wissen und Fertigkeiten, den diese Verlagerung mit sich zieht.
Das Gespräch ist kein trockenes Buchreferat, sondern eine lebendige Auseinandersetzung mit Fragen, die uns alle betreffen: Wer profitiert von billigen Textilien? Was kostet der Transport wirklich, wenn er nicht eingepreist wird? Und was würde es bedeuten, kleinräumiger zu produzieren – nicht als romantische Rückkehr zum Tauschhandel, sondern als bewusste wirtschaftspolitische Entscheidung?
„Empire of Cotton“ bzw. „King Cotton“ von Sven Beckert ist weit mehr als ein Wirtschaftsgeschichtsbuch. Es ist, wie Constanze es im Gespräch nennt, eine „Welterklärungsformel in einem Buch“ – und damit eine Pflichtlektüre für alle, die verstehen wollen, warum die Textilindustrie so ist, wie sie ist. Und warum das vielleicht nicht so bleiben muss.
Schlagworte: Baumwolle, Kapitalismus, Globalisierung, Textilgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Fast Fashion, Sklaverei, Kolonialismus, Textilproduktion, Nachhaltigkeit, Lieferketten, Recycling, Textilindustrie






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