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Heute eine Schneiderei betreiben. Im Gespräch mit Schneidermeisterin Bettina Puchegger (Podcast #045)

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Aktualisiert am 18. September 2026.

Seit fast 30 Jahren betreibt Bettina Puchegger eine kleine Schneiderei in der Grazer Innenstadt. Wer ist die Kundschaft, die in eine Schneiderei kommt? Lassen die Leute sich nur Kleidung für besondere Anlässe schneidern? Und wie sieht es mit der Ausbildung und der Zukunft des Schneider-Handwerks aus? Darüber unterhalten wir uns in dieser Folge.

Shownotes

In der neuesten Folge des Textilportal Podcasts spricht Gabi Brandhuber mit Bettina Puchegger, Schneidermeisterin und Inhaberin der Modewerkstatt in Graz, über ein Handwerk, das zwischen Fast Fashion und bewusstem Konsum gerade neu verhandelt wird: die Maßschneiderei.

Bettinas Weg dorthin war nicht geradlinig geplant, aber konsequent. Nach der Hauptschule fiel die Wahl auf die Höhere Lehranstalt für Mode und Bekleidungstechnik in Wiener Neustadt, wo sie das Schneiderhandwerk von Grund auf lernte. Es folgten Lehrabschluss, Praxisjahre und schließlich die Meisterprüfung in Graz – mit Ende 20 wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Ihr erstes Geschäftslokal fand sie eher zufällig: am Kaiser-Josef-Platz in Graz, wo es einen beliebten Markt gibt. Im Rückblick sagt sie, der Standort sei fast so wichtig gewesen wie das handwerkliche Können selbst, weil Laufkundschaft und Sichtbarkeit am Anfang den entscheidenden Unterschied machten.

Wer heute zu Bettina in die Modewerkstatt kommt, deckt laut ihr „von der Wiege bis zur Bahre“ praktisch jede Lebensphase ab – vom Taufkleid bis zum maßgeschneiderten Kleid für eine 100-jährige Kundin. Der Großteil der Laufkundschaft bringt Änderungen vorbei, doch bei echter Maßarbeit steht die individuelle Vorstellung im Mittelpunkt: ein mitgebrachter Stoff, ein Erinnerungsstück, das neu interpretiert wird, oder ein Kleidungsstück, das exakt zur Trägerin passen soll. Die Vorstellung, Maßschneiderei sei vor allem etwas für besondere Körperformen, verneint sie: Die meisten ihrer Kundinnen haben durchschnittliche Figuren, wollen aber ein Stück, bei dem Stoff, Schnitt und Passform wirklich stimmen. Besondere Anfertigungen, etwa für Menschen im Rollstuhl, gibt es durchaus auch: Hier geht es oft um kleine, aber bedeutsame Anpassungen wie anders gesetzte Verschlüsse.

Ein weiterer roter Faden im Gespräch ist die Frage, wie ein Kleidungsstück wirklich zu einer Person passt – „typgerecht“, wie Bettina es nennt. Sie erklärt, wie sich im Schnitt Abnäher setzen, Weiten anpassen oder Schultern verbreitern lassen, um mit Körperformen zu arbeiten statt gegen sie. Genau darin liegt für sie der Unterschied zwischen Konfektionsware und Maßarbeit: Während ein Standardschnitt von Durchschnittsmaßen ausgeht, kann eine Maßschneiderin auf Hüftbreite, Schulterlage oder Körperhaltung individuell eingehen, mehrere Anproben inklusive. Die erste Anprobe dient dabei vor allem ihr selbst, um die Kundschaft kennenzulernen, die zweite der Feinabstimmung – ein Prozess, der sich bewusst noch entwickeln darf, während er entsteht.

Dann geht es um das Thema „Preis“. Anhand eines konkreten Beispiels – Gabis seit Jahren geplanter, aber noch immer ungenähter Blazer – rechnet Bettina transparent vor, wie sich Kosten für ein Maßstück zusammensetzen: Materialkosten ab rund 200 Euro für einen guten Wollstoff, dazu 15 bis 20 Arbeitsstunden für Zuschnitt, Anproben und Verarbeitung. Bei einem Stundensatz von 50 Euro kommen so schnell 1000 Euro und mehr für die reine Arbeitsleistung zusammen. Bettina ordnet diese Summe bewusst historisch ein: In den 1970er- und 80er-Jahren war es für Familien mittleren Einkommens normal, regelmäßig zur Schneiderei zu gehen. Mit dem Aufstieg von Fast Fashion und der schieren Menge an Kleidung hat sich das verschoben – nicht, weil Maßschneiderei objektiv unerschwinglicher geworden wäre, sondern weil der Vergleichsmaßstab sich verändert hat.

Genau hier setzt auch die Nachhaltigkeitsdimension des Gesprächs an. Gabi bringt den Begriff „Cost per Wear“ ins Spiel: Ein Maßstück, das über Jahre oder Jahrzehnte getragen wird, ist pro Tragen oft günstiger als mehrere Fast-Fashion-Teile, die nach kurzer Zeit aussortiert werden. Bettina ergänzt, dass ein gutes Maßstück durch großzügige Nahtzugaben sogar mit dem Körper „mitwächst“ – ein Vorteil, den Konfektionsware kaum bieten kann. Auch beim Thema Material ist ihr Qualität wichtig: Sie bevorzugt Naturfasern, bezieht Stoffe unter anderem von Stoffpräsentationen und bio-zertifizierten Quellen, und beobachtet mit Bedauern, dass die durchschnittliche Stoffqualität im Vergleich zu früher gesunken ist.

Zu den schönsten Aufträgen zählen für Bettina jene mit emotionaler Bedeutung: Brautkleider, umgearbeitete Erbstücke von Mutter oder Großmutter, aber auch ausgefallene Projekte wie ein Frisierumhang, maßgeschneiderte Bezüge für Schaukelpferde oder ein Sakko mit geheimen Innentaschen für einen Zauberer. Diese Vielfalt, sagt sie, macht für sie den Reiz des Handwerks aus.

Zum Abschluss blickt das Gespräch auf die Zukunft der Branche. Bettina sieht das Schneiderhandwerk grundsätzlich im Aufwind – es gibt weiterhin Meisterprüfungen und Betriebsgründungen –, allerdings vor allem als Einzelunternehmen statt in größeren Werkstätten mit mehreren Angestellten, wie es sie früher häufiger gab. Das erschwert die Lehrlingsausbildung, weil kleinen Betrieben oft die Zeit dafür fehlt. Ihr Rat an alle, die selbst eine Schneiderei eröffnen möchten: das Handwerk gründlich erlernen als unabdingbare Basis, klein anfangen, das finanzielle Risiko überschaubar halten, in gute aber leistbare Geräte investieren – und sich trauen, es einfach auszuprobieren.

Schlagworte: Maßschneiderei, Schneiderhandwerk, Slow Fashion, Nachhaltigkeit, Cost per Wear, Anlassmode, Maßanfertigung, Schneiderlehre, Zukunft des Handwerks, Stoffqualität, Upcycling

KI-Disclaimer: Für diesen Text habe ich das Gespräch vom Aufnahme-Programm Riverside transkribieren lassen; habe das Transkript manuell korrigiert; die korrigierte Fassung von Claude zusammenfassen lassen; und die Zusammenfassung wieder manuell überarbeitet für den finalen Text.


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