Aktualisiert am 28. Januar 2026.
In der Universitätsbibliothek Graz verbirgt sich ein außergewöhnlicher Schatz: rund 70 mittelalterliche Handschriften aus dem 12. und 13. Jahrhundert, die eine faszinierende Besonderheit aufweisen. Es sind nicht die kunstvollen Illuminationen oder die liturgischen Texte, die diese Bücher so besonders machen, sondern etwas, das jahrhundertelang unter dem Radar der Kunsthistoriker:innen flog: kunstvolle Reparaturarbeiten auf dem Pergament selbst. Mit farbigen Seidengarnen, die über die Jahrhunderte nichts an ihrer leuchtenden Farbkraft eingebüßt haben.
Von Malta nach Graz
Theresa Zammit Lupi, Leiterin der Restaurierungswerkstatt der Sondersammlung, kam 2021 nach Graz – mitten in der Covid-Pandemie. Ihre Ausbildung führte sie von Malta über Florenz nach London, danach arbeitete sie in Malta, in der Schweiz, in Ägypten, Cambridge und Italien. Durch einen Kontakt zu Mitgliedern der Sondersammlung und die gemeinsame Durchführung von Summer Schools zu den Bereichen Kodikologie (Handschriftenkunde), Konservierung und Buchgeschichte, erfuhr sie von einer freien Stelle und bewarb sich.
Als Restauratorin betrachtet Theresa die alten Handschriften anders als andere: Philolog:innen und Theolog:innen haben sich immer mehr für die Inhalte der Schriften interessiert, Kunsthistoriker:innen für die Malereien.
„Wenn man darin geschult ist, Materialien und Strukturen von Büchern zu betrachten, fällt der Blick automatisch auf diese Dinge“, erklärt sie ihre Herangehensweise. „Ich schaue mir eher die Struktur als den Inhalt an. Wenn Menschen ein Buch betrachten, schauen sie sehr oft, wie Paläographen oder Kunsthistoriker:innen, auf den Inhalt. Was ist das? Was steht darin? Für mich ist das hingegen fast zweitrangig. Ich schaue mir die Materialien an. Woraus besteht es? Was ist es? Pergament? Ist es Papier? Wie ist es genäht? Wie ist es zusammengesetzt? Welche Tinte wurde verwendet? Welche Farben wurden verwendet? Weil ich Restauratorin bin. Das ist mein Hintergrund. Ich betrachte die Struktur und die Materialien.“

Diese besondere Perspektive führte Zammit Lupi auch zu einer anderen bahnbrechenden Entdeckung: Ein ägyptisches Papyrus-Fragment, das aufgrund seiner Merkmale (eine Mittelfalte, das Textlayout und Löcher, die auf eine Bindung hindeuten) möglicherweise das älteste bekannte Kodexfragment ist. Es ist etwa 400 Jahre älter als alle anderen bekannten Bücher.
Ein verborgener Klosterschatz
Die Handschriften mit den Seiden-Stickereien stammen aus dem Stift Seckau (gegründet 1140), einem Chorherrenstift, das im Zuge der Klosteraufhebungen unter Joseph II. im Jahr 1782 aufgelöst wurde. So gelangten circa 340 Handschriften nach Graz, darunter die ca. 70 mittelalterlichen Handschriften, die diese Stickarbeiten aufweisen.
Thomas Csanády, Theologe und Leiter der Sondersammlung, erklärt: „Man hat immer noch gedacht, das sei eine lokale Besonderheit von Seckau, aber ähnliche Stickereien finden sich auch in vielen anderen Klöstern. Dennoch handelt es sich um ein relativ neues Forschungsgebiet, und es ist noch nicht bekannt, wie diese Stickereien hergestellt wurden und von wem. Kunsthistoriker:innen hielten sie nicht für wichtig genug, um sie zu untersuchen, und ihre Beschreibung fehlt in den Handschriftenkatalogen, wodurch ihre Existenz unbemerkt blieb.“
Das Thema wird heutzutage jedoch erforscht und die Ergebnisse werden veröffentlicht.
Grundsätzlich war das Pergamentvernähen schon ein Prozess in der Herstellung des Pergaments. Die Pergamenthersteller haben Löcher im Pergament vernäht, die durch unabsichtliche Schnitte oder dünne Stellen in der Tierhaut entstehen konnten, damit sich die Löcher beim Spannen nicht vergrößern.
Aber bei diesen Stickereien ist die Qualität ganz anders. Die Löcher und Risse im kostbaren Pergament wurden nicht einfach geflickt – sie wurden zu kunstvollen Verzierungen. Teilweise wurden grobe Nähstellen durch wunderschöne Stickerei ergänzt und ersetzt.
Mit ungezwirnten Seidenfäden in unterschiedlichsten Farbtönen entstanden filigrane Muster: vom einfachen Hexenstich zu komplexen Füllstichen. Die Qualität variiert erheblich – von sehr groben bis zu außerordentlich feinen Arbeiten.
Material: Pergament, Seide, Färberwaid
Für Pergament wird die Tierhaut (meist Schaf, Ziege, Kalb) nicht gegerbt, sondern die Haut wird gespannt und getrocknet, die äußere Hautschicht mit den Poren abgeschabt. Beim Schaben wurden manchmal unabsichtlich Schnitte ins Pergament gemacht, und beim Spannen kann die Haut reissen, an Stellen früherer Verletzungen. Weil Pergament nicht einfach mit der Nadel zu durchstechen geht, wurden häufig Löcher (mit einer Ahle) vorgestochen und erst dann die Ränder zusammengenäht.
Die verwendeten Seidenfäden mussten im 12. und 13. Jahrhundert von weit her gehandelt worden sein, da es in Europa zu dieser Zeit noch keine Seidenproduktion gab. (Siehe meine Podcastfolge: Seide in Europa). Theresa Zammit Lupi findet es aber nicht überraschend, dass Seidenfäden vorhanden waren: In den Klöstern gab es Textilwerkstätten, in denen unter anderem liturgische Gewänder und Altarschmuck hergestellt wurden, bei denen auch kostbare Seide zum Einsatz kam. Es wäre möglich, dass Garnreste für die Reparatur der Bücher verwendet wurden.
Diese Seidenfäden wurde flach, nicht gezwirnt verarbeitet, was ihnen einen besonderen Glanz verleiht. Die Farb-Brillanz beim Blick durch ein Mikroskop ist erstaunlich. „Es ist so grün!“ war ich fasziniert. „Weil es zwischen den Buchdeckeln immer vor Licht geschützt war“, antwortete Theresa Zammit Lupi. Ich finde das unglaublich.
Luba Nurse, Leiterin der Sammlung und Bibliothek am Textilmuseum St. Gallen, die ihre Doktorarbeit über diese Stickmuster an der Akademie der Bildenden Künste in Wien verfasst, machte eine weitere spannende Entdeckung: Winzige blaue Punkte rund um die Löcher deuten darauf hin, dass Markierungen per Schablonen mit Färberwaid auf das Pergament übertragen wurden, um gleichmäßiger perforieren zu können. (Färberwaid ist ein natürlicher blauer Farbstoff, der in Europa heimisch ist und bis heute zum Blaufärben von Stoffen eingesetzt wird.)
Zwischen Funktion und Schmuck
Ob die Stickereien reine Schmuckelemente waren oder auch funktionale Zwecke erfüllten, ist unklar. Ebenso rätselhaft bleibt, wer diese Arbeiten ausführte. „Wir wissen nicht, ob es Frauen waren, ob es Männer waren“, erklärt Thomas Csanády. Eines der Bücher, die wir uns genauer angeschaut haben, war ein so genanntes „Stundenbuch“ aus einem Nonnenkloster, mit Gebeten und liturgischen Gesängen.
Besonders faszinierend: Manche Löcher wurden mit größter Kunstfertigkeit gefüllt, andere blieben offen. Die Arbeitsabläufe waren unterschiedlich – manchmal wurde vor dem Beschriften gestickt, manchmal danach, wie man unter dem Mikroskop erkennen kann. Wenn die Stiche durch die Buchstaben gehen, wurde erst nach dem Beschreiben geflickt.
Die Analyse gleicht einer Detektivarbeit. An solchen Manuskripten haben meist viele Schreiber mitgewirkt, nicht alle hatten die gleiche Handschrift, und dann wird es spannend:
„Zum Beispiel einen nennen wir den ‚Isidor Schreiber‘, der hat so ein charakteristisches rückfallendes ‚S‘ und einige besondere Großbuchstaben, die wir erkennen, die immer wieder vorkommen“, erklärte Thomas Csanády. „Und wenn im Kontext von Isidor Schreiber verschiedene Fadenkombinationen der Stickerei immer wieder vorkommen, können wir Rückschlüsse auf das Skriptorium ziehen, wo der gearbeitet hat. Das sind Anhaltspunkte um herauszufinden, woher die Handschrift kommt.“
Die Näharbeiten finden sich in verschiedenen Regionen Europas, besonders in Klöstern, die von kirchlichen Reformen im 13. Jahrhundert beeinflusst wurden. In Klosterneuburg etwa sind Wulstnähte charakteristisch, in der Steiermark (Stift Seckau, Stift Vorau,…) wurde feiner gearbeitet. Durch die Analyse der verschiedenen Techniken, Farben und Fäden können Forscher heute Rückschlüsse auf die Werkstätten ziehen, in denen die Handschriften entstanden.
„Wir wissen zum Beispiel, dass es einen Austausch von Manuskripten zwischen Seckau und Vorau gab, weil wir Muster erkennen, die sich in Manuskripten aus beiden Klöstern wiederholen. Ich glaube, dass die Menschen sich früher mehr bewegten, als wir denken. Da bin ich mir sicher“, erklärt Theresa Zammit Lupi.
Mittelalter-Edition und moderne Sichtbarkeit
Die Forschungsarbeit inspirierte Zammit Lupi und die Abteilung Sondersammlung zu einem Projekt, um die Manuskripte bekannter zu machen und ihre Sichtbarkeit zu erhöhen. Gemeinsam mit einem Modeunternehmen wollte sie eine „Mittelalter-Edition“ für Jeans entwickeln, bei der mittelalterliche Nähtechniken in modernes „Visible Mending“ (sichtbare Reparatur) umgesetzt werden. Obwohl das Projekt nicht zustande kam, ist die Idee weiterhin vielversprechend. Es besteht die Hoffnung, dass ein anderes Unternehmen sie aufgreift und ein Nähset zum Selbermachen – natürlich mit Seidengarn – entwickelt, mit dem jeder solche kunstvoll verzierte Jeans selbst herstellen kann.

Eine weitere Kooperation kam jedoch zustande: Über CIS (Creative Industries Styria) wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, in dem Designer:innen sich kreativ mit den fast Tausend Jahre alten Stickereien auseinandersetzten. Die entstandenen Arbeiten wurden im Mai 2025 im Rahmen des Designmonat Graz ausgestellt. Dort bin ich auf diese wunderbaren uralten Handarbeiten aufmerksam geworden.
Ein lebendiges Forschungsfeld
Was vor wenigen Jahren noch unter dem Radar lief, wird nun von einer wachsenden Community erforscht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die digitalisierten Handschriften können auf der Website der Universitätsbibliothek Graz betrachtet werden – ein Fenster in eine Zeit, als Bücher noch mit Hingabe, Kunstfertigkeit und Seidenfäden von Hand geflickt wurden.
Ich danke Theresa Zammit Lupi und Thomas Csanády, die sich im Juli 2025 Zeit für dieses Interview genommen und mir erlaubt haben, in den wertvollen, alten Manuskripten zu blättern!
Links
- Geschichte der heutigen Benediktinerabtei Seckau
- Auf https://unipub.uni-graz.at/obvugrseck kann man die Scans vieler Manuskripten aus Seckau betrachten. Die folgenden Manuskripte beinhalten Reparatur-Stickereien: Ms 0171, Ms 0242, Ms 0280, Ms 0282, Ms 0292, Ms 0293, Ms 0392, Ms 0435, Ms 0479, Ms 0755, Ms 0763, Ms 0769, Ms 0770, Ms 0778, Ms 0793, Ms 0864. (Viel Spaß beim Blättern und Entdecken!)
- Stitching the Centuries: Von den Stickereien inspirierte Arbeiten von Designer:innen wurden beim Design Monat Graz 2025 ausgestellt
Literatur
Über diese Stickarbeiten haben die Beteiligten bereits auch wissenschaftliche Artikel publiziert. Es folgen ein paar Quellen für die diejenigen unter euch, die sich in die Materie vertiefen möchten.
2025 Thomas Csanády – Theresa Zammit Lupi – Luba Nurse (translation by Lena Krämer). Investigations into the connections of silk stitchings in parchment manuscripts from Vorau and Seckau, in Csanády, Thomas & Renhart, Erich (Hrsg.): Libri voravienses. Studien zur Bibliothek des Augustiner Chorherrenstiftes Vorau. Graz: Unipress Graz.
2023, Luba Dovgan Nurse. Ein Blick in die Welt mittelalterlicher Nähkunst, in Renhart, E. and T. Csanády (eds.) Bücherwelten. Eine Blütenlese aus den Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Graz. Graz: Unipress Graz, pp. 44-50.
2022, Luba Dovgan Nurse & Theresa Zammit Lupi. Collaborative Research in Manuscript Making at the University of Graz. News in Conservation, International Institute for Conservation of Historic and Artistic Works, Issue 93, December-January 2023, 16-21. Dieser Report ist öffentlich zugänglich unter dem Link: https://www.iiconservation.org/news-conservation-issue-93-december-january-2023















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