Portraitbild Dr. Jens Dreyer

Dr. Jens Dreyer über die Fasernessel (Podcast #015)

Aktualisiert am 14. März 2023.

Dr. Jens Dreyer ist ein Botaniker aus Hamburg, der vor beinahe 30 Jahren mit seinen Forschungen zur Brennnessel begonnen hat. In dieser Podcastfolge erzählt er über seine Erkenntnisse zur Zucht und Auspflanzung der Fasernessel, und warum es schwierig ist, die Brennesselfaser im großen Maßstab zu verarbeiten und zu vermarkten.

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  • 00:01:14 Forschung auf der Grundlage der Sammlung Bredemann, Netzwerk
  • 00:09:58 Faserstruktur und Aufbereitung als Garn
  • 00:18:58 Stoffkontor Kranz AG
  • 00:27:38 Großflächiger Anbau der Brennnessel: teuer, Dauerkultur, Mischkultur
  • 00:41:08 Brennessel als Hobby sammeln und verarbeiten
  • 00:48:58 Probleme beim Verspinnen
  • 00:53:43 Schlusswort

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Jens Dreyer

Ich erzähl einfach mal so ein bisschen aus meiner Sicht. An der Uni Hamburg habe ich also die Diplomarbeit geschrieben über die Brennnessel. Weil es dort eben noch alte Bestände gab von faserreichen Nesseln. Man wusste aber nicht so richtig Bescheid. Und diese Diplomarbeit, auf die bin ich auch ein bisschen gestoßen worden, weil in Hamburg eben auch interessierte Kaufleute, oder ein interessierter Kaufmann, das wohl irgendwie mitbekommen hat. Ich weiß gar nicht wie. Jedenfalls hat er gesagt: Mensch, das wäre doch mal interessant! Und wir können doch mal gucken, was für Potential das hat. Und diese Diplomarbeit ist dann weitergegangen in eine Doktorarbeit, die ich dann über diese – es waren ursprünglich mal 30 verschiedene Brennnessel-Sorten, die von einem Professor Bredemann gesammelt und auch gezüchtet wurden. Also da waren richtig Zuchtarbeiten im Hintergrund. Also es ist nicht die Wildnessel. Die Wildnessel draußen hat so 7 % Fasern, mit denen kann man auch was machen, das ist auch unbestritten. Da gibt es ja auch bei Facebook Textile Friends eine ganze Menge Informationen zu sehr aktiven Menschen, in England vor allem, die eben aus der Wildnessel, weil sie nichts anderes hatten, auch Dinge gemacht haben. Interessant ist, dass es eben auch sehr viel Unterstützung für meine Arbeit gab. Und so habe ich eben auch ein großes Netzwerk gebildet. Nicht nur Deutschland, auch in Frankreich gibt es viele Initiativen. In Finnland. Ich hatte dann eine Frau Gillian Adam kennengelernt, eine „normale Frau“, mit Familie und Kindern. Die hat in England eine Diplomarbeit darüber geschrieben. Und die war in Japan, in Finnland, und hat dort alles gemacht, um zu erfahren, wie man Brennnesseln verspinnt und daraus Textilien gewinnt. Denn überall in diesen Ländern ist diese Brennnessel auch heimisch, und man hat immer schon früher auch damit was gemacht. Sie hat mich also auch immer ganz gut auf dem Laufenden gehalten, was so drumrum läuft. Und ich musste als Botaniker allerdings vor allem mich mit der Pflanze beschäftigen. Natürlich habe ich auch die Fasergehalte bestimmt, und die Mengen an Fasern, die man aus der Pflanze gewinnen kann. Und das war, nachdem ich die Diplomarbeit gemacht habe, eigentlich alles sehr vielversprechend.

Jens Dreyer

Und dann kam auch die Geschichte mit dem Hanf dazu. Da gab es richtig so eine Welle, wo man sagt: Mensch, da könnte man doch diese Fasern, die sonst schwierig zu erreichen sind, mal versuchen zu nutzen. Und die ganze Technik von Flachs ist so ein bisschen in eine andere Richtung. Aber die Technik von Hanf und Nessel ist ähnlich. Du hast Stängel, die lang sind. Du hast einen dicken Stängel. Du hast diese Fasern, die dann auch noch mal entholzt werden müssen. Also ähnliche Maschinen wie in der Hanf-Verarbeitung kann man auch für die Nesseln nutzen. Für die Nessel hätte man niemals da was entwickelt. Aber es ergab sich plötzlich eine Möglichkeit der Weiterverarbeitung. Mein Schwerpunkt war allerdings eben nicht die Weiterverarbeitung. Das habe ich auch immer noch mal mitgemacht. Und da hatte ich auch Unterstützung, zum Beispiel vom Faserinstitut in Bremen. Und es gibt in der Nähe von Potsdam ein Institut, das nennt sich ATB, das ist an der Leibniz Universität. Dort gibt es auch Agrarökonomen, die auch das immer sehr stark unterstützt haben, mal zu gucken: Welche Chancen haben Landwirte mit einer neuen Pflanze? Eine Dauerkultur. Das ist ganz wichtig zu bedenken, weil das auch letztlich die Krux ist. Ich habe eben kein Saatgut wie bei normalen anderen Pflanzen, sondern ich habe einen Steckling, den ich pflanzen muss. Und das bewirkt eine ganze Menge, was Kostenstruktur angeht, aber auch Know-how, was man benötigt, um so einen Acker anzulegen.

Gabriele Brandhuber

Das heißt, die Brennnessel wird nicht aus den Samen, die die ja auch hat, wieder gezogen, sondern…

Jens Dreyer

Doch, das könnte man schon. Die Nesseln macht unendlich viel Saat, und die könnte man auch nutzen, aber der Fasergehalt wäre dann wieder gestreut. Also man hätte dann wieder niedrigfasergehaltige und hochfasergehaltige. Und das wollten wir eigentlich nicht. Wir wollten versuchen, möglichst diese hochfaserhaltigen 14 %, Reinfasergehalt. Da gibt es auch viele verschiedene Untersuchungsmethoden. Wenn Sie es mit konventionell vergleichen, wenn man sagt: Hanf hat 20 %, dann würde ich sagen, die Brennnessel hat auch 20 %. Es kommt immer darauf an, welche Methode man nutzt, um diese Fasern zu gewinnen. Die chemische Analyse der reinen Faser, sozusagen chemisch aufgeschlossen, würde eben so um die 14 % bewirken. Es gibt auch einige, die ein bisschen mehr Fasergehalt haben, aber ich glaube, das ist nicht ganz so wichtig.

Auf jeden Fall gab es da eine Pflanze, die wir sozusagen wieder gefunden haben. Aus diesen 30 verschiedenen gab es zwei, drei, die interessant sind. Die man anbauen konnte. Und dann habe ich mit meinen Kollegen an der Uni Hamburg ein Kultursystem entwickelt, wie man diese Pflanzen vermehren kann und anbauen kann. Das ist eigentlich mein Beitrag gewesen, die Vermehrungsmethode in die heutige Zeit zu übertragen. Das ist ja früher alles mit ganz viel Handarbeit gemacht worden, und auch mit mühsamsten Arbeiten. Ich habe auch eine Doktorandin noch mal gesprochen, als sie noch lebte, eine Frau Illies. Die war schon sehr betagt, und die meinte: „Hör mir auf mit den Brennnesseln!“ Also die hat dann Lebensmittelgutscheine bekommen, als sie sich bereit erklärt hat, diese Arbeit zu machen. Also es ist schon eine sehr pieksige Angelegenheit, das darf man nicht vergessen.

Aber es war eben lange Zeit Tradition in Hamburg, und ich habe das bisschen aufgegriffen. Wie gesagt, die Pflanzen gab es ja. Dann gab es jetzt gute Methoden, um sie zu vermehren: konventionell als Steckling, und auch anzubauen. Ich habe dann sozusagen Ernteerträge und solche Dinge ermittelt und auch ein bisschen die Technik. Zum Beispiel mit Kollegen zusammen haben wir Mähbalken wieder restauriert, so traditionelle Roggen-Mähbalken. Auch Mähbinder, wo wir gehofft haben, dass wir vielleicht mit der alten Technik etwas anfangen können. Weil am Anfang war es uns wichtig, dass wir Parallelage belassen. Also die Fasern haben ja eine Richtung im Stängel, und wenn wir die Stängelrichtung erhalten, würden wir sozusagen im fortlaufenden Prozess nicht so viel Kuddelmuddel, Durcheinander bekommen. Insofern haben wir dann angefangen zu binden und auch die Richtung zu lassen. Das ist aber dann später nicht mehr möglich gewesen. Wenn man größere Mengen herstellen möchte, dann hat man doch immer auch diesen Prozess des Trocknens auf dem Acker. Also die Brennnesseln werden so im August geschnitten, dann verlieren sie auch schon einen Großteil der Blätter. Das ist auch so ein Zeichen der Fasernessel gegenüber der Wildnessel. Die macht keine Verzweigung. Die hat so einen Stängel, der geradeaus wächst, sage ich immer. Und im Sommer, wenn es dann trockener wird, dann hört auch die Pflanze ein bisschen auf zu wachsen. Und das ist auch ganz hilfreich, dass man nicht so ein grünes Ungeheuer sozusagen, sich dann in den Schuppen stellt, sondern es ist sozusagen schon mal von Natur aus relativ wenig Blatt dran. Man schneidet das dann mit Mähbalken, lässt es liegen, wendet es ab und an. Das hängt ein bisschen davon ab, wie weit man diesen Röstprozess – das ist so eine Art wie beim Leinen auch, eine Röste. Aber die Nessel ist sehr nährstoffreich, auch die Rinde, und deswegen dauert das nicht so lange. Das dauert meistens nur wenige Tage. Und dann habe ich die Blätter ab, und dann sind schon die ersten Röstvorgänge, auf den Stängeln vollziehen sie sich. Und dann wird es normalerweise getrocknet und abgepresst im Ballen. Und dann geht es weiter in die Verarbeitung, wo dann mit Brechern und mit verschiedenen Technologien der Holzteil entfernt wird. Und dann werden die Fasern so verfeinert. Das ist im Grunde das Gleiche wie beim Hanf.

Das Interessante ist nur eben, warum soll man sich mit der Nessel überhaupt beschäftigen, wenn es den Hanf doch gibt? Der Hanf ist viel grober. Also die Stoffe, die man daraus machen könnte, die sind einfach.. Von der Faserstruktur habe ich bei dem Hanf Faserbündel, und bei der Nessel habe ich einzelne Fasern. Das heißt, ich habe eher eine Tendenz von der Fasergröße [Faserdurchmesser] zu Baumwolle. Und ich kann dadurch viel feinere Stoffe – theoretisch jedenfalls – herstellen. Die Brennnessel hat ja auch eine tropische Verwandte, die Ramie, oder Boehmeria Nivea. Und ich habe mir damals schon als Student gedacht: Wenn die das hinkriegen, Boehmeria Nivea anzubauen, dreimal im Jahr zu ernten, und das in der Dritten Welt. Dann müsste doch so ein Dickschädel wie der Dreyer das irgendwie hinkriegen, aus dieser Faser ein textiles Garn herzustellen und der Landwirtschaft etwas zu geben. Und ich hatte auch im Harz Textilindustrielle, die daran sehr interessiert waren, die gesagt haben: „Mensch! Das ist doch interessant! Und da müssen wir was machen!“ Wir haben auch eine Menge versucht, und wir sind auch viel klüger. Und die Maschinen sind auch viel besser heutzutage als vor 20 Jahren. Wenn sie Garne herstellen, dann gibt es ja diese Roboter, die dann diese Fehlstellen auch ausgleichen können. Das ist also ein wahnsinniger Technologiesprung, der den Naturfasern eigentlich entgegenkommt. Und es gibt immer noch Unternehmen, die sich dafür interessieren, mit der Brennnessel was zu machen. Das ist eigentlich bis heute so. Also ich habe im Prinzip immer noch Leutchen, die es versuchen und sich daran versuchen, diese Brennnessel irgendwie in den Griff zu kriegen.

Gabriele Brandhuber

Wie ist es denn beim Spinnen? Weil der Langflachs braucht ja spezielle Spinnereien, die diesen Langflachs mit Nassspinnen verarbeiten können. Und die gibt es vorwiegend nur mehr in Litauen und in Polen und so. Wie ist das bei der Brennnessel? Wie lässt sich die verspinnen?

Jens Dreyer

Nicht gut. Also, die lässt sich theoretisch wirklich gut verspinnen. Aber das Material, was bisher im etwas größeren Maßstab gewonnen wurde, das ist immer noch einerseits zu grob. Also wir haben das gebrochen, und über Karden gebracht. Also das sind dann auch Leinenkarden. Ich fand das Produkt, was ich dann in den Händen hatte! Wunderbar. Also ich fand es genial. Ich habe so was vorher noch nicht gesehen, dass wir so weit kommen mit der Nessel. Man hat so ein bisschen das Gefühl, es ist wie Wolle. Und wir haben das dann auch mit Handkarden – also meine Familie und ich, sozusagen, und Freunde auch – mit Handkarden haben wir da versucht, 20 Kilo mal aufzuarbeiten. Auch nass. Also das war wirklich eine ganz/ Also das haben wir auch nicht geschafft. Wir haben vielleicht ein Viertel davon nass aufbereiten können und dann auch kardiert.

Aber die Professoren, die sind immer sehr hart in ihrem Urteil. Und die haben mir gesagt: „Da musst du noch mal ein bisschen arbeiten! Und zwar bist du eigentlich schon ganz gut, aber du hast immer noch zu viele Fehlstellen, als dass wir es riskieren können, das bei uns in die Maschinen hineinzugeben. Auch in die Labormaschinen. Das dauert ewig, bis wir die wieder sauber haben. Und ich würde mal sagen, das sind so vielleicht nur 1 % Unreinheiten, die noch in den Fasern drinnen sind, aber die sind eben ausreichend, um zu sagen: Nee! Das funktioniert einfach so nicht. Es sind vor allem so… Ich habe ja versucht, das ganze biologisch zu machen, größtenteils. Also biologische Röste und dann mit Waschmittel könnte man sagen. Ich will ja keine Schleichwerbung machen, aber sowas wie Persil. Also im Grunde Haushaltsmittel, keine Chemie. In der Waschmaschine gewaschen, bei bestimmten Programmen, die wenig bewegen. Also wenig flotte Bewegung machen. Also Wollprogramm habe ich dann immer eingesetzt. Und ich habe die Fasern in so einen Sack reingetan, damit sie eben auch parallel bleiben. Ich habe also versucht, immer die Parallel-Lage ein bisschen einzuhalten, um dann im Kardierprozess auch nicht so viel Faserverkürzung zu haben. Aber wie gesagt, es hat – bei mir jedenfalls – nicht so richtig hingehauen.

Am Ende war es so, dass die Menschen, die sich sehr gut mit Fasern auskennen, vor allem ja aus dem Kunstfaserbereich kommen: Die vergleichen halt ihre Kunstfaser mit der Naturfaser und sagen: „Naja. Das ist noch nicht gut genug.“ Wenn man nur die Naturfaser kennen würde, würde man sagen wahrscheinlich: “ Oh, das ist aber ganz interessant!“ Also wir kommen halt aus dem Überfluss. Und der Überfluss bedeutet, wir haben ganz hohe Ansprüche an die Rohstoffe. Ich habe früher auch mir mal Leinehemden gekauft, von der Firma Holsteinflachs. Da gibt es einen Herrn Heger, der war auch sehr umtriebig. Und klar sind da so kleine Knoten drin, aber mich hat es eigentlich nie wirklich gestört. Es darf natürlich kein Loch im Hemd sein, das ist schon klar. Aber das kriegt man schon hin. Das ist ja auch das Garn, was dann vollständig sein muss, und das ist ja immer der Fall. Es ist nur eben, es gibt gewisse Unreinheiten. Aber da ist der Markt eben ganz klar, und auch die Kollegen, die es bewertet haben. Man muss einfach gucken. Wir stehen im Moment an der Stelle, wo wir sagen: Okay, wir haben eigentlich eine gute mechanische Entholzung. Das kann man auch mit Hausmitteln hinbekommen. Also die Entholzung, wenn Sie gerade auch sagen, Sie haben vielleicht Hobbykundschaft, die einfach Lust hat, ihre eigenen Fasern zu produzieren. Dann kann man das mit Brechen herausbekommen. Man kann natürlich, wenn man kleine Mengen hat, die frische Nessel nehmen. Die Brennnessel, wenn man sie erntet, kann man diese Rinde wie so eine Bananenschale abziehen. Das ist sowieso das Leichteste. Da muss man sich nicht mit diesem ganzen Geklöppel beschäftigen. Weil die zieht sich eigentlich wahnsinnig gut ab. Aber man kriegt natürlich nur eine kleine Menge verarbeitet. Und dann könnte man sie halt rösten, mit einer Wasserröste, also möglichst ein bisschen alkalisch, wenn es irgendwie geht. Also nicht in den sauren Bereich reingehen. Weil diese Säure würde sozusagen bewirken, dass die Fasern ein bisschen geschädigt werden. Die können ja eine Menge ab. Das heißt, die können auch gerne ein bisschen beschädigt werden. Aber wenn man so ein bisschen in die Laugen-Gegend geht, dann wäre es sicherlich in der Röste auch nicht verkehrt. Da gibt es immer noch genug Bakterien, die da was machen. Also ich hatte in der TU Harburg auch speziell Bakterien gesucht, die für die Warmwasser-Röste geeignet waren. Und da habe ich mir dann Hanf und Leinen geholt aus Ägypten. Und habe dann dort diese Bakterien sozusagen selektiert einmal: Welche sind denn überhaupt drauf, auf dem gerösteten Leinen? Und habe da ein paar interessante gefunden, die wir dann auch vermehrt haben. Und diese Bakterien haben sehr gut die Fasern dann auch freigelegt, ohne die Zellulose der eigentlichen Faser zu zerstören. Das war auch ein ganz interessantes Projekt, da habe ich drei Jahre dran gearbeitet. Allerdings, ich sage immer „ich“. Es waren immer viele, das möchte ich hervorheben. Also das waren auch Kollegen wie der Doktor Koschke, also es waren viele, die daran mit beteiligt waren. Und ja, wir haben dann auch eine schöne Veröffentlichung gemacht, und das ist es dann auch meistens als Wissenschaftler.

Den Rest muss dann die Industrie machen. Und ich kann mir gut vorstellen, dass irgendwo in Asien jemand das gelesen hat und das jetzt vielleicht auch macht. Das entzieht sich aber der Erkenntnis. Denn diese Dinge, alles mit Chemie zu machen, mit Natronlauge ja vor allem, das ist dort ja auch der Preis für die Natur immer zu hoch. Dieser biotechnologische Schritt, mit Bakterien zu arbeiten, ist doch auch am Ende nicht nur für die Umwelt besser, sondern auch für die Mitarbeiter, für alles, im Grunde fürs ganze System. Je weniger man dort mit Chemie arbeitet, umso weniger Probleme gibt es am Ende. Also das ist so mein Stand. Aber jetzt habe ich viel erzählt, bitte fragen Sie mich auch.

Gabriele Brandhuber

Ja, total spannend. Extrem spannend.

Jens Dreyer

Ja, ich kann darüber tagelang [erzählen]. Ich freue mich natürlich, das ist so ein bisschen mein Herzensding. Aber ich habe auch, muss ich sagen, ein bisschen abgeschlossen. Irgendwann muss auch mal zur Ruhe kommen, und das ist jetzt im Prozess. Aber ich habe mich gefreut, als sie das geschrieben haben, und natürlich, darüber kann ich stundenlang erzählen. Aber wichtig sind Ihre Fragen!

Gabriele Brandhuber

Ich finde das ganz großartig, aus Ihrer Sicht, diese Entwicklung Ihrer Forschung. Ausgelöst wurde meine Anfrage ja durch eine Leserin meines Adventskalenders, die mir die geschrieben hat: Wenn mich Brennnesselfaser interessiert, da gab es eben diese Firma von Heinrich Kranz in Lüchow. Die so um 2000 gegründet wurde, was ich jetzt recherchiert habe an Zeitungs- oder Zeitschriftenartikeln. Und dann ungefähr 2009 in Konkurs gegangen ist. Dabei ist eben Ihr Name gefallen, und den Herrn Kranz habe ich leider nicht ausfindig gemacht. Sonst hätte ich ihn auch selber befragt zu seiner Firmengeschichte. Dann dachte ich halt, jetzt frage ich mal Sie. Ob Sie mir aus Ihrer Sicht erzählen können, ein bisschen Aufstieg und Fall dieser Brennnessel-Firma.

Jens Dreyer

Ja. Also es gab wie gesagt eine Firma in Hamburg, die mich ja mal angestupst hat, in der Richtung was zu tun. Das war so eine Art Agentur für neue Ideen. Die haben das auch ein bisschen vorangetrieben. Allerdings haben sie doch, als sie gesehen haben, wie schwierig das Ganze sein kann, ein bisschen auch wieder den Fokus darüber verloren, und wollten da auch nicht weiter einsteigen. Dann kam die Firma Stoffkontor Kranz auf mich zu und hat eine Anfrage gestartet, was ich denn da so mache. Und ob mich die Region Wendland interessieren könnte. Und die Biologen in Hamburg, die fahren immer ins Wendland, wenn sie interessante Arten sehen möchten. Es ist eine tolle Ecke, ich habe die sehr ins Herz geschlossen. Und da hat sich was bei mir bewegt, auch bei meiner Frau. Wir haben gesagt: Warum nicht Wendland? Warum nicht auch dorthin? Und wir haben Kontakt aufgenommen. Und ich habe dann Herrn Kranz kennengelernt, auch die Frau Professor Dreiling, meine Doktormutter, hat ihn mal kennengelernt. Und dann haben wir uns überlegt, was kann man denn machen? Und ja, dann gab es also bestimmte Vereinbarungen mit der Uni, was die Vermehrung der Pflanzen angeht. Und Herr Kranz hat eben auch bestimmte Ideen gehabt, was man jetzt machen müsste. Und der ist also mit seiner Firma – er hat dort auch schon länger mit Naturtextilien gehandelt und sie verkauft – hat eben dann losgelegt, und war auf Messen. Und hat dann ganz viel auch Anfragen bekommen, weil das natürlich ein spannendes Thema ist. Plötzlich kommt da jemand mit einer Nessel daher. Und das ist ja im Prinzip auch exklusiv, da werden die Unternehmer ja/ die kriegen da Schweißperlen auf der Stirn. Wenn man dann weiß, was so ein Kilo Ramie kostet. Das ist das, was den Unternehmer reizt. Er hat dann gesehen, das könnte Potenzial haben. Und die strukturschwache Gegend im Wendland wäre eben auch sehr geneigt, so etwas mal zu versuchen. Und so haben wir uns also getroffen und haben dieses Projekt vorangebracht.

Da mussten wir natürlich überlegen: Wie kann man diese Pflanzen jetzt in einem großen Maßstab herstellen? Und ich habe eine Gärtnerei hier in Hamburg gefunden, wo wir dann auch fleißig vermehrt haben, und sozusagen die ersten 1.000, 10.000, 100.000 Pflanzen produziert haben. Mit meinen studentischen Kollegen und mit meinen befreundeten Doktoren haben wir da im Gewächshaus geschnippelt und gestanden und gegossen. Und viel Erfahrung gesammelt! Weil das ist einfach so, dass… Wir leben heute doch in einer ganz anderen Welt, und wir müssen gucken, wie man heute sozusagen rationell solche Dinge tut. Und das haben wir eigentlich ganz gut hinbekommen. Inklusive Schädlingsbekämpfung und all diesen Problemen. Was sind die Vorlieben der Brennnessel? Bei welchen Temperaturen kann ich sie noch im Gewächshaus haben? Und wann ist eben der Ofen aus? Es gab also viele Probleme zu lösen. Was Pilze angeht, was Trauermücken und solche Dinge angeht. Aber das haben wir alles ganz gut hinbekommen. Und ich habe es auch noch mal, vor drei Jahren glaube ich, ganz gut hinbekommen, auch noch mal 8.000 Pflanzen ad hoc zu vermehren, von denen wir sehr viele halten konnten. Also das Vermehrungssystem, glaube ich, haben wir ganz gut im Griff. Das Anbausystem müsste eigentlich auch ganz gut funktionieren. Aber ich habe eben eine Dauerkultur. Ich muss halt erst mal immer gucken… Aber ich habe Ihnen das schon erzählt. Das war ja die Frage Stoffkontor. Die Firma Stoffkontor hat dann Landwirte angesprochen, wer bereit wäre, Pflanzen anzubauen. Also welche Flächen könnten bereitgestellt werden? Und da war er auch sehr umtriebig, hat also Landwirte gefunden, die anbauen wollten. Und da war ich dann allerdings auch schon teilweise raus, weil die Firma Stoffkontor hat sich dann mit verschiedenen/ Also die haben ja dann auch Geld gesammelt. Nicht ganz wenig Geld. Ich glaube das war nachher fast 1 Million, die sie eingesammelt haben. Und sich haben sich da mit verschiedenen Banken zusammengetan, und auch mit einer anderen Firma, die auch Brennnessel vermehren konnte, eine Kollegin von mir. Die war aber dann vor Ort, in Schnega, dort. Und die haben sich ganz gut geeinigt wohl, sodass man mich eigentlich nicht mehr brauchte. Ich hatte ihnen also so ein bisschen erzählt, wie es geht. Und die Rahmenbedingungen aufgeklärt. Wir wollten eigentlich irgendwann einen Vertrag machen. Das ist aber nicht zustande gekommen. Und ja, ich wurde dann einfach nicht mehr benötigt in der ganzen Geschichte. Sodass eigentlich auch der Anfang der Stoffkontor Kranz AG, ich glaube 2003 oder so was, war es dann auch für mich/ war ich dann nicht mehr bei. Und konnte eigentlich auch nicht mehr viel tun. Also was ich gemacht habe, war eben mit den Kollegen dort einen Hektar zu bepflanzen. Das haben wir sozusagen gemacht. Aber die Pflege der Anlagen, und auch die Ernte und solche Dinge, da war ich nicht mehr mit dabei.

Gabriele Brandhuber

Da war dann Ihre Kollegin mit eingebunden.

Jens Dreyer

Genau die war dann in Sachen Vermehrung dabei. Und er hatte dann auch andere Spezialisten, die sich um den Aufschluss auch gekümmert haben. Ich glaube, dort in der Nähe gab es eben auch so eine mechanische Entholzungsanlage, was ganz praktisch war. Und ich glaube, die haben die auch gekauft. Oder auf jeden Fall betrieben, eine Zeit lang. Und da konnte man eben die Fasernessel dann aufbereiten.

Gabriele Brandhuber

Also ich habe die Zahlen gefunden, dass 2007 die AG hatte 600 Gesellschafter und hat auf 300 Hektar Brennnessel angebaut. Damals 1.500 Fachhändler beliefert, und wollte bis 2011 auf 1000 Hektar hochgehen. Also auch wenn ich Aktiengesellschaft höre, dann klingt es nach einem sehr groß angelegten Projekt, nach einer sehr großen Masse und einem sehr großen Umsatz, der da passieren sollte oder auch zum Teil passiert ist?

Jens Dreyer

Das kann man ja alles planen. Also ehrlich gesagt, können Sie mir auch das nicht so ganz abnehmen, was ich Ihnen hier gerade gesagt habe. Weil wenn ich sage „Es ist mein Herzblut“ und die brauchten mich dann nicht mehr, und ich gehe da einfach so stoisch drüber weg. Also es hat mich schon sehr verletzt auch, dass man mich nicht mehr brauchte. Und ich habe immer versucht, ein bisschen Ruhe in die ganze Sache zu bringen und sie wissenschaftlich zu machen. Und natürlich meine Kollegin auch. Aber die Idee, in den ersten vier Jahren 1000 Hektar zu machen, die war bestimmt nicht von mir. Und man muss einfach da sehen, dieses „Upscaling“ [das Größermachen], das dauert. Und der Druck war einfach/ Man kann auch etwas dadurch erschweren, indem man es zu schnell macht.

Gabriele Brandhuber

Zu schnell, zu stark wachsen lässt.

Jens Dreyer

Ja. Wenn es auch gar nicht geht. Also man kann natürlich immer ewig verdünnen. Man kann auch Pflanzen verdünnen. Man kann auch eine Pflanze auf einen Hektar pflanzen, dann hat man auch ein Hektar bepflanzt. Aber das ist wirklich sehr schön anzugucken, und es bringt auch am Ende gar nichts. Also ich glaube, die Zahlen, die Sie da genannt haben, was die Anbauflächen angeht… Das habe ich aber auch beim Bredemann schon gesehen, also in den Vierziger oder Dreißiger Jahren: Die waren hoffnungslos übertrieben. Das hätte man gemerkt, und das wäre auch dann anders gekommen, 2009. Denn diese Flächen sind ja werthaltig. Sie müssen sich vorstellen: So ein Hektar Brennnesseln kostet in der Anlage, wenn man es wirklich gut hinbekommen, 14.000 € . Also allein das Pflanzenmaterial, das Hinbringen. Und das ist eben die Krux an der Brennnessel, dass sie eben, mit dem Steckling vermehrt, so viel kostet, auf gut Deutsch. Wenn man es mit dem Samen macht, dann kostet es die Saat und die Ausbringung, und das ist dann eben eine ganz andere Schiene. Aber! Ich habe eben über eine längere Zeit, vielleicht 10, vielleicht sogar 20 Jahre, wenn ich die Fläche vernünftig gegen Unkraut – also gegen andere Kräuter – schütze; wenn ich die Fläche richtig anlege; und da gibt es Beispiele in Niedersachsen. Das hat ein Landwirt wirklich gut hinbekommen. Der hat viele Hektar angebaut und die Flächen funktionieren. Das heißt, das sind wirklich Brennnesselbestände und nicht – ich sage immer – ein Biotop. Was ich auch toll finde, aber ist natürlich für den Ertrag nachher nicht schön. Das hat also der eine oder andere Landwirt hinbekommen, eine Fläche anzubauen, nach den Vorgaben. Und da muss man eben den Acker entsprechend vorbereiten. Der Acker muss vorher schon mal, sag ich mal, eine Hackfrucht gehabt haben, so was wie Kartoffeln zum Beispiel. Wo also nicht so ein Unkrautdruck ist. Wenn ich einen hohen Unkrautdruck in der Fläche habe, dann ist das ganz schwierig für die Nessel, sich da über die Zeit durchzusetzen. Zu 100 %. Weil die Brennnessel wächst ja feucht und nährstoffreich. Und das habe ich auf dem Acker einfach nicht. Ich habe bestimmt feuchte Stellen, ich habe bestimmt auch überall Nährstoffe, aber ich habe auch mal Flächen, die sind ein bisschen trockener. Und da würden sich andere Pflanzen eben bevorzugt durchsetzen, und das will ich aber nicht. Ich will wirklich an der Stelle die Brennnessel haben, und die kann sich auch durchsetzen, wenn man eben die Unkrautbekämpfung hinbekommt. Und das ist etwas, was noch mal mehr in den Fokus rücken müsste, wenn man das mehr betreiben wollte.

Gabriele Brandhuber

Ich finde das ja sehr spannend, dass sie sagen: Die Brennnessel muss sich gegen Unkraut durchsetzen, wo doch ganz viele Hobbygärtner die Brennnessel eher als das Unkraut sehen im Garten.

Jens Dreyer

Ja, aber es ist nicht so! Also man kriegt sie schon ganz gut wieder weg. Wenn sie natürlich etabliert ist, das sind auch manchmal größere Flächen, das macht dann das Ganze ein bisschen schwierig. Aber die Nessel ist eben schon eine Pflanze, wenn man sie auf den Acker bringen möchte, dann ist das nicht ganz leicht. Also es ist bestimmt nicht leicht. So würde ich sagen.

Gabriele Brandhuber

Und Sie haben auch gesagt „Dauerkultur“. Das heißt, es gibt ja… Also bei Hanf habe ich, als wir recherchiert haben, zum ersten Mal so richtig begriffen, dass der ja auch den Boden aufbereitet. Hanf wurzelt extrem tief, kann auch sehr verhärtete Böden wieder aufbereiten, und ist so eine gute Vorkultur quasi, um dann stark zehrende Sachen drauf anzubauen, wie Kohl. Aber die Brennnessel kann man dann quasi dauerhaft auf einem Feld, auf einem Acker anbauen. Da braucht man nicht irgendeine Fruchtfolge, oder muss nicht irgendwas dazwischen [anpflanzen] oder so.

Jens Dreyer

Also die Brennnessel ist halt ein Bodenverbesserer. Das hat man früher auch schon mal so genutzt. Also der Landwirt, der hat die natürlich nicht wirklich bewusst eingesetzt. Aber wenn man eine Fläche halt länger ruhen lässt, also da passiert nix, dann kann sich schon gerne mal die Brennnessel durchsetzen, wenn ich entsprechende Stickstoffgehalte und Feuchtigkeiten habe. Und sie wurzelt eben auch den Boden schön durch, und ist auch ein sehr guter Bodenvorbereiter. Aber das ist ja nicht unser Ziel. Unser Ziel ist das Geld, was wir da in die Hand genommen haben für die Anlage der Fläche, möglichst lange diese Fläche auch beernten zu können. Und in dem Moment, wo ich eben die Pflanzen schneide, im Herbst, oder im August, und die Blätter an Ort und Stelle verbleiben, auch eine gewisser Röste auch noch durchführe vor Ort, wird eben durch den Regen, die Feuchtigkeit, die Nährstoffe werden wieder ausgetragen. Und die Brennnessel hat eben diese Eigenschaft, die Nährstoffe in ihrem Körper anzureichern. Also der Stickstoff wird dann als Protein eingelagert in ein wahnsinnig dichtes Wurzelwerk. Und da sind ja auch so Sprosse noch unter der Erde. Also die Nessel kann da wahnsinnig gut auch Stickstoff speichern. Also wir haben ja gerade in Niedersachsen eine Überproduktion, was Stickstoffe angeht und Nitrate und so weiter. Ich habe auch mit Wasser-Wirtschaftsverbänden mal gesprochen, vor vielen, vielen Jahren. Das war für die vielleicht auch interessant gewesen. Aber es ist letztlich nicht wirklich zu einer Zusammenarbeit gekommen. Also Nessel bringt den Stickstoff aus dem Boden in die Pflanze und hält ihn auch dort. Und ich denke mal, man muss immer auch ein bisschen nachdüngen. Kalk und solche Dinge, Bodenverbesserer vielleicht noch mal. Aber ansonsten ist das eigentlich so eine Art Erhaltung. Und wenn man die Brennnessel eben einmal etabliert hat, an einem Standort, dann bleibt sie dort auch.

Gabriele Brandhuber

Ja, und Sie haben jetzt vorher auch erwähnt: Schädlingsbekämpfung, also Pilze und Trauermücken. Wie ist es da mit dem Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln? Muss man viel machen oder geht das eigentlich?

Jens Dreyer

Nein, das meine ich nur in Bezug auf die Vermehrung im Gewächshaus. Also das ist nur sozusagen, wenn ich diese Babypflanzen habe, und ihnen quasi aus einem Steckling eine Pflanze mache. Das ist ein empfindliches Stadium, da muss man aufpassen, aber das machen wir auch vollkommen ohne Chemie mittlerweile. Habe ich gar nicht! Ich arbeite da mit Vliesen, also mit solchen Gazen, die man wie bei Möhren. Beim Möhrenanbau hält man die Insekten ab. Man darf nicht so viel wässern und solche Dinge. Also im Gewächshaus geht es mittlerweile fast ohne Chemie. Und draußen auf dem Acker, nee, da wird nichts eingesetzt. Das Einzige, was man eben macht, ist, wenn man den Acker nicht gut angelegt hat, und ich habe zum Beispiel mit Quecke, also mit bestimmten Gräsern ein Problem, dann wird das versucht. Aber es gibt da auch noch zu keine Ergebnisse mit Herbiziden. Und die Nessel ist unwahrscheinlich aktiv. Und was ich bisher gesehen habe, leidet sie auch darunter. Also man sollte eigentlich gucken, dass man im Anbau die Nessel vernünftig anbaut, also sprich: Die Unkrautbekämpfung mechanisch gut macht. Und eben auch den Acker richtig gut ausgewählt hat, dass da nicht ein Wahnsinns-Unkrautdruck ist. Was eben häufig in der Praxis der Fall war: die Fläche wurde gar nicht genutzt, zum Beispiel. Über viele Jahre ist da Blümchen und alles gewachsen. Und dann kommt der Pflug, man bricht das um, und dann kommt die Brennnessel drauf. Und dann wundert man sich: „Huch? Gott-oh-gott, was wächst alles?“ Das ist auf keinem Acker der Fall, aber auf diesen Flächen, die wir dann hatten – das war natürlich nicht immer die Besten – das ist dann natürlich ein Riesenproblem. In der Folge ist es dann wahrscheinlich auch viel Geld, das man dann ausgibt, in der Unkrautbekämpfung. Aber das kann die Nessel eigentlich von sich aus gut schaffen. Und ich war ja im ökologischen Landbau in Göttingen, da haben die auch ein bisschen mich betreut. Und die haben dann immer gesagt: Ein Streifen Brennnessel, dazwischen Kleegras. Ein Streifen Brennnessel, ein Streifen Kleegras. Und so ist eigentlich auch das Anbausystem gedacht, dass man so eine Art Mischkultur hat. Nicht einen Acker mit Brennnesseln, sondern das fand ich ja das total Tolle, dass man eben diesen Wechsel macht, wie bei dem Wein im Grunde. Eine Frucht sozusagen Ertrag bringt, eine Frucht Erhaltung, und da ist auch noch sehr viel Platz dann für Insekten und andere Tierchen. Und zum Beispiel auf der Fläche, die ich jetzt neulich, letztes Jahr gesehen habe, dort in Niedersachsen: Da waren dann Kraniche auf der Fläche, weil sich die Kröten da natürlich wohlfühlen und sich auch schützen können. Also es gibt 200 verschiedene Tierarten, alleine Insekten, 200 unterschiedliche Insektenarten, die in so einem Brennnesselbiotop vorkommen. Das ist wirklich der Wahnsinn, was da sich tummelt. Und ohne einen großen Schaden zu errichten. Also das ist einfach/ die ernähren sich natürlich auch mal von Blättern, aber da habe ich wirklich genug Blätter. Und ich habe diesen Schutzraum im Bodenbereich. Das ist schon wirklich faszinierend. Ich wusste das auch nicht. Aber ich habe mich ja da nun auch lange mit beschäftigen dürfen.

Gabriele Brandhuber

Und das Kleegras zwischen den Brennnesselstreifen macht was?

Jens Dreyer

Na ja, das ist einfach da und schützt den Boden sozusagen davor, dass alles Mögliche wächst. Und das Kleegras kriege ich eben auch gut gemäht. Und der Klee fixiert auch noch einmal Stickstoff. Das heißt, ich habe auf der einen Seite eine Bodenbedeckung, wodurch, wenn ich die Pflanzen anlege, sozusagen pflanze, kann ich dazwischen gleich Kleegras machen. Und da wächst dann sozusagen schon mal was. Und wo was wächst, was ich möchte, da wächst nichts anderes mehr. Es ist also die Idee, aktiv zu sagen: Hier! Ich möchte, dass das Kleegras dort wächst. Und nicht Distel, Melde, und ich weiß nicht was für andere schöne Unkräuter, die ich natürlich auch gern mag. Es gibt so bestimmte, Ackerfuchsschwanz, Sachen, die wahnsinnig schwer zu bekämpfen sind. Und ich habe einen Hektar selbst gehackt, also ich weiß, was das bedeutet, wenn man da zu viel hat. Das schafft man irgendwann nicht mehr allein, auch nicht zu zweit.

Gabriele Brandhuber

Ja, ich wollte gerade sagen, weil Sie gesagt haben: Mechanisch Unkraut entfernen. Ich sehe mich gerade zwischen Brennnesselbüschen, Unkraut jäten, mit Spezial-Schutzanzug oder so.

Jens Dreyer

Nein. Wenn die Pflanzen schon so groß sind, dann haben sie es ja schon geschafft. Es geht mir wirklich nur um das erste Jahr, wo man die Pflanzen/ Die sind drei, vier Zentimeter groß, wenn man sie sozusagen aus dem Gewächshaus abgehärtet auf die Fläche bringt. Und wenn sie eine entsprechende Größe haben, dann kann man das ja auch schon machen. Das müssen keine getopften Pflanzen sein, sondern man hat im Grunde einen Wurzelkörper und ein Stängel mit Blättern und Sprossen dran. Und die kommen dann so in Acker. Man sieht sie vielleicht nicht mal am Anfang. Wenn man gepflanzt hat, ist das so unscheinbar. Aber dann muss man im Prinzip diese Kultur begleiten. Man kann zum Beispiel diesen Ackerstreifen zwischen den Brennnesseln fräsen, oder man kann dort den Boden in Bewegung bringen. Das wurde auch alles schon gemacht in diesem Institut ATB Bornim, bei Potsdam. Da haben die auch solche Versuche gemacht. Und natürlich kann man auch mit der Hacke arbeiten, in der Reihe vor allem, da geht eben keine Mechanik. Das muss man eventuell dann wirklich mit Hand machen. Aber wenn man sich überlegt, dass eben die Fläche so einen Wert hat, dann ist das eben ein Arbeitsgang. Das ist beim Kohl nicht anders. Oder bei Reben, die muss ich auch pflegen. Aber wenn – das war immer mein Credo – wenn man das einmal gemacht hat, und die Brennnessel an dem Ort platziert ist – und ich habe es ja mit eigenen Händen gemacht – , dann funktioniert das. Wenn man natürlich pflanzt, und dann wartet man ein halbes Jahr und guckt dann wieder hin, dann ist es wahrscheinlich vergebens. Man muss einfach an der Stelle diesen Pflanzlingen, die man da setzt, ein bisschen helfen, und sie sozusagen ein bisschen unterstützen in der Richtung. Weil es eben eine Zwangsgesellschaft ist. Also es ist ja nicht Natur! Es ist ja immer noch ein Acker, auf dem ich irgendwas tun möchte, was meinem Nesselhemd irgendwann mal nutzt, oder dem T-Shirt, was ich daraus mache. Und da muss ich eben eine gewisse Klarheit auch haben in den Prioritäten.

Gabriele Brandhuber

Die Stoffe, die ich da zugeschickt bekommen, die sind angeblich zu 10 bis 40 % aus Nessel und der Rest Baumwolle. Ist das so gemischt worden, wegen dieser Unreinheiten oder wegen dieser Unregelmäßigkeiten, die Sie da genannt haben? Oder einfach, weil zu wenig Nesselstoff da war, um das zu einem vernünftigen Preis in einen reinen Nesselstoff zu verwandeln?

Jens Dreyer

Also es gibt ja noch einen Nachfolger von Herrn Kranz. Das ist der Dr. Beckhaus, mit einer Firma, die auch das Ganze weiter betreibt. Das ist ja nicht alles untergegangen, sondern er hat das im Grunde aufgekauft, und bis heute betreibt er das auch weiter. Es war immer die Schwierigkeit, genug Menge zu haben. Also hatte ich ja eben gesagt: Ich sollte 1.000 Hektar bepflanzen. Unmöglich! Ich hatte vielleicht 200 Pflanzen. Aus 200 Pflanzen. Können Sie vielleicht einen Hektar machen im ersten Jahr. Und dann, aus dem einen Hektar kann man zehn machen. Und aus zehn kann man vielleicht 30 machen. Und dann sind schon vier Jahre rum. Nach vier Jahren habe ich, also, wenn ich gut bin, vielleicht 15 Hektar. Und das war nie in Ordnung. Es war im Prinzip immer zu wenig. Und so ist es auch bei den Garnen. Man hat bestimmte Mengen wohl liefern müssen, und das ging nur in der Mischung. Aber es ging. Und der Spinnvorgang selber ging auch glaube ich nicht wirklich mit der Nessel allein.

Gabriele Brandhuber

Ja, und dann ist es vielleicht mit Baumwolle vermischt worden, um das dann so quasi kotonisiert, oder mit der Baumwolle gemeinsam zu verarbeiten. Oder anschließend.

Noch eine andere Frage: Es gibt also gerade bei Leinen einige Initiativen im deutschsprachigen Raum, die so das Leinen in den Hausgarten bringen wollen. In der Schweiz gibt es eine Initiative, die heißt „Zieh Lein!“ Wo man Leinensamen kaufen kann, oder verteilen kann, und dann im eigenen Hausgarten Leinen anbaut, oder Flachs anbaut. Und dann die ganzen Schritte mit der Röste, und dem Brechen, und dem Kardieren usw. alles zu Hause macht, um dann von dem Samen bis zum fertigen Kleidungsstück diesen ganzen Produktionsprozess selber in der Hand zu haben. Da gibt es so hobbymäßig, aber auch ein paar größere Initiativen. Meine Kollegin und ich, Constanze und ich, wir haben dann gescherzt: Mit Hanf sollte man des vielleicht nicht unbedingt im eigenen Hausgarten machen. Weil vielleicht manche Leute die Hanfpflanze nicht unterscheiden können, die Faserhanf von dem anderen Hanf. Für die Brennnessel sehen Sie irgendeine, wie soll ich sagen? Also ich stelle mir das jetzt schwierig vor, mit diesem wie das vermehrt wird, eine Fasernessel tatsächlich im eigenen Hausgarten anzubauen. Woher würde ich denn [Setzlinge bekommen]? Oder gibt es irgendwie Bezugsquellen, damit ich das auch bei mir zu Hause anbauen könnte, wenn ich wollte?

Jens Dreyer

Nein, ich glaube nicht, dass es offizielle Bezugsquellen gibt. Es gibt natürlich die Firma dort in Lüchow-Dannenberg, die nach wie vor diese Brennnesseln vermehrt und auch sozusagen im Reagenzglas ganz viele daraus machen kann. Das ist von der Frau Dr. Schneider das IPK, Institut für Pflanzenkultur. Die können das machen. Aber wenn man das hobbymäßig betreibt, dann kann man doch in Auen gehen, oder in Wälder gehen, oder an Waldränder, an Wegeränder, und kann sich dort im August die Nesseln schneiden. So habe ich es auch gemacht, um mal zu gucken: Was ist denn überhaupt möglich mit den Wildsorten. Und kann im Grunde dort auch die Fasern daraus herstellen. Mit den faserreichen? Tja, das müsste halt irgendwie ein Abkömmling sein, ein Klon von einer faserreichen, und dafür gibt es keinen Markt. Also das ist einfach im Moment nicht möglich. Aber man kann ja auch Glück haben, und der Bredemann hat ja auch europaweit gesammelt. Es gibt bestimmt auch faserreiche Wildklone, die irgendwo dann vielleicht sogar 10, vielleicht sogar 14 % haben. Ich weiß gar nicht, was Züchtung war und was Sammlung war. Das kann ich gar nicht nachvollziehen. Also man erkennt es eigentlich am Stängel, auch wenn er nicht mehr bricht. Also wenn man versucht, ihn zu schneiden mit der Schere, mit der mit der Garten-Rosen-Schere. Also die Nesseln, die ich jetzt schneide, die sind nicht leicht durchzuschneiden. Weil die einfach so stabil sind. Immer wenn wir Stecklinge vermehren, müssen wir sehr, sehr viel und häufig schärfen. Also das merkt man schon im Brechvorgang. Diesen Fasergehalt kann man im Grunde schon so optisch erkennen.

Also für den für den Gartenanbau finde ich es eher lustig, dass man die vielleicht in eine Ecke stellt, wo man nicht so viel tut. Dass man das für die Schmetterlinge macht. Aber wenn man wirklich Fasern gewinnen möchte, dann muss man gucken, wie man sie vielleicht aus der Natur erntet. Die Schmetterlinge sind dann im August auch raus. Das heißt, wir würden sie auch nicht schädigen. Natürlich findet die Pflanze das nicht so gut, wenn man sie schneidet. Aber der Stickstoff wäre dann vielleicht auch mal an der Stelle weg und würde dann woanders hingehen. Man könnte sich also hobbymäßig da schon auf Flächen bedienen. Es gibt ja teilweise auch richtig große Bestände an Brennnesseln, wo die Bodenbedingungen entsprechend sind. Und das würde ich dann vielleicht auch so empfehlen, wenn man das machen möchte. So machen das die Engländer auch, also dort interessiert sind. Die haben bestimmte Flächen, Brennnesselflächen, in Wäldern, oder im Auenbereich, an Flussufern, die sie dann auch regelmäßig beernten. Und die Dinger werden ja auch 2 Meter hoch. Also da kommt auch was zusammen. Wollte ich damit sagen.

Gabriele Brandhuber

Ja, ja. Ich kenne das eben auch von so feuchten Flächen, also am Ufer eines Sees, oder gerade da, wo es ein kleines Bächlein, ein Zufluss zum See ist. Da gibt es dann so große Flächen, wo Brennnesseln eigentlich wachsen. Fast schon ein kleiner Wald.

Jens Dreyer

Ja, so kleine Monokulturen. Wenn die Bedingungen für den Boden gut sind, dann kann die Brennnesseln sich da eben auch sehr gut etablieren. Nur das kann man nicht eins zu eins auf den Acker übertragen. Aber wenn man den Acker gut ausgewählt hat, also die Fläche eignet sich für den Anbau. Niedermoor zum Beispiel, Niedermoorflächen. Und da funktioniert das eben auch. Der Landwirt in Niedersachsen, der das macht, der hat eben auch so eine Fläche. Und da klappt das dann eben.

Gabriele Brandhuber

Ja. Toll. Ja vor allem, wenn man langsam und stetig, das – wie Sie gesagt haben – vorbereitet, und dann auch so als Dauerkultur pflegt, dann lohnt sich wahrscheinlich auch irgendwann mal diese Investition, die doch nicht unerheblich ist. Ich habe keinen Vergleich. Ich weiß nicht, wie viel Saatgut kostet.

Jens Dreyer

Ein paar 100 Euro. Es ist einfach unvergleichlich viel teurer.

Gabriele Brandhuber

Eben 14.000 € pro Hektar. Das ist dann einfach um ein Vielfaches mehr. Sehr schön. Ja spannend, sehr spannend. Zwei Sachen interessieren mich jetzt, die ich aufgeschrieben habe. Einerseits: „Da ist eine schöne Veröffentlichung rausgekommen“, haben sie gesagt. Das würde mich interessieren, wenn Sie mir da vielleicht die Referenz schicken könnten. Und den Namen von der Firma in Niedersachsen, oder von dem Landwirt. Also falls Sie das wollen.

Jens Dreyer

Also, ach was, das ist alles kein Geheimnis. Kennen Sie meine Internetseite eigentlich? Diese Seite IF Wertschöpfung?

Gabriele Brandhuber

IF-Wertschöpfung, nein.

Jens Dreyer

Genau. „Institut für Wertschöpfung“ nennt sich das kleine Institut, wo ich der einzige Mitarbeiter bin. Aber ich mache auch noch paar andere Sachen, aus meiner Geschichte heraus. Und da habe ich ganz viel Literatur, auch zum Anklicken, auch teilweise PDFs. Da können Sie, wenn Sie Lust haben, mal reingucken.

Gabriele Brandhuber

Ich werde es finden.

Jens Dreyer

Das ist ja auch. Wenn mich jetzt Firmen anrufen und sagen: „Hier, ich bin Firma sowieso. Ich mache 99 % Poly. Ich habe da keine Lust mehr zu. Können wir nicht was mit der Brennnessel machen?“ Dann sage ich Ihnen auch: „Natürlich können wir das! Wenn Sie das möchten. Ich unterstütze Sie gerne. Ohne Geld. Ich gebe Ihnen gerne mein Wissen, ohne Geld. Das sage ich dreimal hintereinander, damit die verstehen, dass ich kein Geld haben möchte. Das funktioniert meistens ganz gut, irgendwann. Und dann müssen die halt gucken, wie sie mit dieser Idee vorankommen. Und es gibt da viele Ansätze und viele Möglichkeiten. Viele haben es aber auch schon versucht, auch in Österreich natürlich. Da ist ja in Tulln dieses Institut. Die auch Ahnung haben, und auch Erfahrung haben. Und alle versuchen es mal ein bisschen, aber es ist eben mühsam. Es ist verdammt mühsam, und ich wünsche mir ja irgendwann eine Maschine, die so ein bisschen ist wie eine Karde, die dann das letzte Prozent Fehlstellen da auch noch rausbekommt, sodass man irgendwann auch noch mal daraus ein Garn machen kann.

Gabriele Brandhuber

Ja, aber was heißt jetzt Fehlstellen? Sind Fehlstellen Verdickungen, oder sind das Stellen, wo das ansonsten reißt, wenn man es in eine herkömmliche Maschine?

Jens Dreyer

Das weiß ich nicht so ganz hundertprozentig. Aber ich glaube, aus der Röste heraus sind das Pilze, Pilzhyphen, die wir nicht vernünftig trennen können in Röstprozess. Also ich habe die Pflanze auf dem Acker, da passiert was, das kann man nicht hundertprozentig steuern. Dann ist die Entholzung. Von der Entholzung geht es dann in den nassen Prozess. Und in diesem nassen Prozess hole ich sozusagen alles, was nicht Faser ist, eigentlich weg, aber nicht alles. Bestimmte kleine Anteile, aus der Pilzhyphen, wahrscheinlich verkleben die noch diese einzelnen Fasern. Um sie zu Einzelfasern zu bekommen, müsste ich das lösen. Kann ich aber nicht. Und ich bräuchte eine Maschine, die entweder diese Stellen da einfach rausreißt. Also die Kraft hat, ohne dabei kaputt zu gehen, das zu trennen, sodass man dann irgendwo diese Unreinheiten in dem Fasermaterial herausbekommt.

Gabriele Brandhuber

Aber sind diese Unreinheiten denn, stören die jetzt im Gewebe? Ist das dann kratzig auf der Haut? Oder hat man das einfach noch nicht ausprobiert?

Jens Dreyer

Sie würden wahrscheinlich im Garn-Verspinnungsprozess Probleme machen. Ich glaube, das ist das Erste. Das Garn würde an den Stellen reißen. Das heißt, das müsste immer wieder neu verknotet werden. Was ja aber geht. Zu einem bestimmten Anteil geht das ja. Vielleicht war es auch nur die Motivation, noch besser zu werden im Aufschluss? Ich weiß es nicht ganz genau. Also dafür fehlen mir auch letztlich/ Ich bin ja kein Textilwissenschaftler.

Gabriele Brandhuber

Mein, man muss ja auch nicht alles wissen. Aber ich habe mich jetzt einfach gefragt, weil ich mir auch denke, also im Vergleich zu den Schafrassen: Da gibt es ja manche Schafe, die sehr, sehr weiche, sehr feine Wolle produzieren oder hervorbringen. Auf denen sehr feine Wolle wächst. Und dann gibt es andere, auf denen eigentlich sehr raue Wolle wächst. Und es setzt sich jetzt in gewissen Kreisen – ich sag mal, jetzt in meiner Bubble – setzt sich das gerade durch, dass einfach jede Faser auch ihre Berechtigung hat. Weil die ganz feine Merinofaser muss ich nicht unbedingt zu Socken verstricken, die wird innerhalb kürzester Zeit durchgewetzt sein. Von daher macht es auch total Sinn, die eher raue Wolle von anderen Schafen zu verwenden, um zum Beispiel Socken draus zu stricken. Die muss ich ja nicht auf der nackten Haut tragen, um mich unbedingt wund zu reiben. Aber gerade für Überkleidung, oder Kleidung, die bisschen robuster sein muss, die mehr aushalten muss, kann ich die gut verwenden. So. Und wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ja auch Leinen… Auch Leinenstoffe, haben ja oft dann Verdichtungen usw. Das stört ja auch beim Leinen jetzt nicht. Jetzt frage ich mich gerade – und das ist etwas, was ich herausfinden möchte noch – wie das dann bei der Brennnesselfaser ist. Ob das Stellen wären, die dann rau sind auf der Haut? Oder die irgendwie stören, die kratzen? Oder ob das einfach eine Kosmetik wäre, diese Teile noch rauszubringen.

Jens Dreyer

Ja, das können Sie gerne versuchen. Ich würde Sie dann an die Fachhochschule in Mönchengladbach gerne verweisen. Da gibt es einen Professor Thomas Weide. Und mit dem. Das war der letzte wirklich wissenschaftliche Kontakt, den ich da hatte, mit meinen Brennnesseln. Und er kannte auch schon Stoffkontor Kranz. Die haben auch schon Dinge miteinander gemacht. Aber wie gesagt, das ist… ja. An der Stelle stehe ich jetzt und bin auch nicht…. Also ich denke, jetzt müssen es andere auch weiter machen.

Gabriele Brandhuber

Und Professor Weide hat sich mit der Faser noch ausführlicher beschäftigt.

Jens Dreyer

Der hat einfach Material bekommen, was ich aufgeschlossen habe, was ich Ihnen gesagt hatte: Diese 20 Kilo, die wir da mal verarbeitet haben, oder versucht haben zu verarbeiten, habe ich ihm mehrere Säcke getrocknete aufbereitete Faser zugeschickt und ihn gebeten, das mal zu bewerten. Und diese Bewertung war eben in der Richtung, dass die Fehlstellen, also dass einfach das Material noch nicht so geeignet ist, um es zu einem Kardenband, und dann später zu einem Garn hinzubekommen. Dass das einfach noch zu schmutzig ist, leider.

Gabriele Brandhuber

Super. Ja, dann. Vielen, vielen, vielen, vielen herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

Jens Dreyer

Ja, gern geschehen.

Bei meiner Recherche zum Brennnessel-Projekt von Stoffkontor Kranz in Lüchow stieß ich auf Herrn Dreyer, und seine wissenschaftlichen Arbeiten zur Brennnessel, die die Grundlage einiger Brennnessel-Projekte bildeten. Ich fragte bei Herrn Dreyer an, ob er mir etwas über dieses Projekt erzählen könnte. Daraus wurde ein wunderbares, langes Gespräch. 

Diese Podcastfolge ist für dich interessant, wenn du genauer über den Anbau der Brennnessel als Faserpflanze erfahren möchtest, und über die Probleme mit der Verarbeitung und Vermarktung der Brennesselfaser im großen Stil.

Fasernessel-Jungpflanzen vor dem Aussetzen (Bild: Dr. Jens Dreyer)
Fasernessel-Jungpflanzen vor dem Aussetzen (Bild: Dr. Jens Dreyer)

Die wichtigsten Punkte aus dem Interview zusammengefasst:

  • Die Anlage eines Ackers mit Faserbrennnesseln ist sehr kostenintensiv. Die Stecklinge werden im Gewächshaus vorgezogen, die Bepflanzung eines Hektars kostet rund 14.000 Euro.
  • Der Unkrautdruck auf dem neuen Acker darf nicht zu groß sein. Die Brennessel muss zu Beginn unterstützt werden, das Unkraut rundherum muss manuell entfernt werden. Die Brennnessel wird am besten in einer Mischkultur, in Streifen abwechselnd mit Kleegras gepflanzt.
  • Wenn ein Brennnessel-Feld etabliert ist, dann ist es eine Dauerkultur, die von Jahr zu Jahr gute Erträge erbringt. Aber man muss Geduld haben. 
  • Die Brennnessel kann grundsätzlich auf Maschinen zur Verarbeitung von Hanf weiter verarbeitet werden.
  • Beim maschinellen Verspinnen der reinen Brennesselfaser gibt es allerdings noch ungelöste Probleme (die Fasern sind unregelmäßig, reißen), weshalb die Brennnessel häufig in Kombination mit Baumwolle versponnen wird. 
  • Brennnesselstoffe sind für den Endverbraucher 10-15 Mal so teuer wie Baumwollstoffe, und daher nur für ein sehr kleines Segment begeisterter Kund:innen interessant. 
  • Es wird immer noch zur Brennnessel geforscht, und es gibt immer wieder Projekte zur kommerziellen Verwertung von Brennnesselfasern. Aber die Brennnessel konnte sich bislang gegenüber anderen einheimischen Fasen mit ähnlichen Eigenschaften (Leinen, Hanf) für die Textilproduktion im größeren Maßstab nicht durchsetzen. 
Ernte eines Brennnessel-Ackers (Bild: Dr. Jens Dreyer)
Ernte eines Brennnessel-Ackers (Bild: Dr. Jens Dreyer)

Tipps für die Herstellung von Nesselfasern zu Hause

Zur letzten Podcastfolge, dem Teil 1 zur Brennnessel, habe ich noch ein paar interessante Hinweise von meiner Freundin Sabine Kainz von “die Handwerkstätte” erhalten, die selbst schon Versuche mit Brennnessel im kleineren Maßstab gemacht hat. 

Sie sagte, dass man für den Hausgebrauch, die Brennnessel ab August ernten kann, also auch noch im Spätherbst oder sogar im Winter, jedenfalls bevor die Brennnessel neu austreibt. Dann spart man sich auch die Röste. 

Wenn man die Stängel vorsichtig mit der Hand entholzt, also die Fasern von der Mitte des Stängels ausgehend über die Fruchtknoten entlang bis zu den beiden Enden löst, erhält man sehr lange Fasern, bis zu 50 oder 60 cm lang, die sich wunderbar mit der Hand verspinnen lassen. 

Sabine hat mir auch erzählt, dass die Nesselfasern unterschiedliche Farben bekommen haben, je nachdem, wie sie sie geröstet hat. Ich hoffe, Sabine macht einmal eine Folge über ihre Erfahrungen mit der Verarbeitung der Brennesselfaser in ihrem Podcast dej_woîn. Wenn du ihren Podcast noch nicht kennst, kann ich dir vor allem ihre Faserfolgen sehr ans Herz legen, in denen sie über biologische, chemische und physikalische Eigenschaften von Wolle, über das Färben und Verarbeiten spricht.

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