Brennnessel aus "Billeder af nordens flora", 1917

Faserserie: Die Brennnessel: Zart, aber schwierig (Podcast #014)

Aktualisiert am 4. März 2024.

Die Stängel der Großen Brennnessel (Urtica dioica) werden in Mitteleuropa schon seit der Altsteinzeit vor mehr als 30.000 Jahren ihrer Fasern wegen gesammelt. In der Neuzeit liefen ihr jedoch andere Naturfasern den Rang ab. Dabei lohnt sich ihre Wiederentdeckung, denn wohl keine Faserpflanze ist so anspruchslos wie die Brennnessel.

Brennnesselstängel enthalten in der Rinde eine 50 bis 75 mm lange Bastfaser, die ähnlich wie bei Leinen und Hanf durch Rösten, Brechen und Hecheln von den holzigen Bestandteilen des Stängels getrennt werden muss. Die Fasern sind sehr zugfest, so dass früher oft Seile, Fischernetze und robuste Stoffe für Säcke, Segel und Zelte daraus gedreht und gewebt wurden. Aber auch feine, cremeweiße, an Rohseide erinnernde und sehr edle Stoffe entstanden daraus.

Viele archäologische Funde von Textilien wurden früher fälschlicherweise für Leinen- oder Hanfgewebe gehalten, bestehen aber in Wirklichkeit aus Nesselfasern. Wenn hingegen um 1800 in historischen Quellen von „indischem Nesselstoff“ die Rede ist, dann handelt es sich oft um Stoffe aus Ramie, einer asiatischen Verwandten der Brennnessel. Schneidernessel, der rohweiße Baumwollstoff in Leinwandbindung, den man zum Beispiel in der Schneiderei für Probeteile verwendet, hat übrigens mit Nesselfasern heute nichts (mehr) zu tun. Vermutlich kam er zu dem Namen „Nessel“, weil seine Farbe an Stoff aus Nesselfasern erinnert.

Große Brennnessel, Urtica dioica (By Tiefnig0815 – Own work, CC BY-SA 4.0 Wikimedia )

Im 19. Jahrhundert wurden die Nesselfasern von der billigeren und leichter zu verarbeitenden Baumwolle verdrängt. Versuche, den Nesselanbau zu professionalisieren, gab es in Europa aber immer wieder, wenn der Baumwollnachschub stockte, zum Beispiel während des Amerikanischen Sezessionskriegs 1861-1865 und in Deutschland und Österreich im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Im ersten Weltkrieg wurde die Bevölkerung sogar dazu angehalten, wild wachsende Nesseln zu sammeln und gegen Prämien abzuliefern.

In den 1920er bis 1960er Jahren wurden schließlich Brennnesselsorten gezüchtet, die mehr Fasern enthalten als die Wildform. Jens Dreyer von der Uni Hamburg, der diese alten Brennnesselsorten in den 1990er Jahren untersuchte, wird demnächst in einer Sonderfolge zum Brennnesselanbau hier im Podcast zu Gast sein.

Auf Grundlage seiner Arbeit gab es Anfang der 2000er Jahre mit dem Stoffkontor Lüchow im Wendland einen Versuch, Brennnesseln als Faserpflanzen im großen Maßstab anzubauen, aber das Unternehmen war wirtschaftlich nicht erfolgreich. Auch der Strickstoff- und Jerseyhersteller Mattes & Ammann aus Baden-Württemberg stellte 2012/2013 kurzzeitig Stoffe aus lokal und in Ungarn angebauten Nesseln her, entwickelte ein verbessertes patentiertes Verfahren für das Extrahieren der Faser und präsentierte in Zusammenarbeit mit der Designerin Gesine Jost eine Brennnessel-Kollektion. Letztlich fehlte aber die Nachfrage für die relativ teuren Naturstoffe und -garne, denn sie waren 10 bis 15 Mal teurer als vergleichbare Baumwolle.

Stoffproben aus Brennnesselfasern vom Stoffkontor Kranz.
Feine, weiche Stoffproben aus 10-40% Brennnesselfasern, in Köperbindung und Jaquard-Gewebe, vom ehemaligen Stoffkontor Kranz in Lüchow. — Dank an Martha aus dem Wendland für die Zusendung!

Heute sind Stoffe aus Nesselfasern kaum zu bekommen: Naturstoffanbieter im Netz haben vor allem Stoffe aus Nilgiri- oder Himalayanessel im Programm, einer mit der Großen Brennessel nicht verwandten Pflanze aus Asien. Dabei könnten Brennnesseln als Ergänzung zu Leinen und Hanf ihren Platz unter den einheimischen Naturfasern finden, denn ihr Anbau ist problemlos und die Pflanzen gedeihen ohne Pestizide, wenn das Feld erstmal angelegt ist.

Literatur/Shownotes

  • Ludwig Fischer: Brennnesseln. Ein Portrait. Berlin 2017 – Geschichte und Kulturgeschichte der Brennnessel, nicht nur auf Fasern bezogen, in der illustrierten Reihe der „Naturkunden“.
  • Jens Dreyer: Die Fasernessel als nachwachsender Rohstoff. Hamburg 1999 – Die Doktorarbeit des Brennnesselexperten
  • Arche Noah, Samenbank für alte Gemüsesorten.
  • Stoffkontor in Lüchow: Artikel über den vielversprechenden Beginn (2000), Erfolgsmeldungen (2007) und das bittere Ende (2009).
  • Dr. Beckhaus hat die Maschinen von Kranz übernommen, stellt Stoffe aus Nessel und Hanf her.
  • Story of nettle – Webseite über das Nesselfaserexperiment von Mattes & Ammann
  • Modenschau von Gesine Jost mit Kleidung aus Brennnessel, Ramie und Bambus. Webseite von Gesine Jost.
  • Swiss Nettle, ein Schweizer Start-Up
  • Brennnesselfaser-Kurse bei Christiane Seufferlein von Faser und Farbe in Österreich.
  • Brennnessel-Kurse bei Mechthilde Frintrup von Andas Werkstatt. Von Frau Frintrup gibt es auch Das Brennnesselbuch (erschienen 2020) mit umfassenden Informationen über dieses tolle Kraut.

Kapitelmarken aufklappen

  • 00:00:45 Die Brennessel wird schon lang genutzt, aber immer nur lokal
  • 00:11:00 Brennessel-Züchtungen für einen höheren Fasergehalt
  • 00:15:20 Das Brennnessel-Projekt des Stoffkontors in Lüchow
  • 00:19:30 Verarbeitung der Brennessel ist schwieriger als Leinen oder Hanf, und insgesamt teurer
  • 00:26:40 “Nesselstoff” ist nicht unbedingt Stoff aus Brennnesseln
  • 00:30:05 Kurse zur Verarbeitung von Brennnessel
  • 00:35:20 Schlusswort

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Gabi

Herzlich willkommen Constanze, zu einer neuen Folge des Textilportal Podcasts und heute einer weiteren Faserfolge. Wir wollen heute über die Brennnessel sprechen.

Constanze

Ja, hallo.

Gabi

Ich hatte ein bisschen bei der Recherche jetzt den Eindruck, ich kenne das alles schon. Wobei, ich kenne sie natürlich nicht, weil die Brennnessel ist eine andere Faser. Aber in vielen Teilen ist ja sowohl geschichtlich als auch im Anbau oder der Verarbeitung sind da sehr große Ähnlichkeiten zum Hanf und zum Flachs, die wir schon in anderen Folgen bearbeitet haben.

Constanze

Und tatsächlich habe ich herausgefunden, dass wohl bei vielen älteren Textilien, also aus dem Mittelalter oder noch älter, die man bisher für Leinen gehalten hat und die auch in vielen Museen als Leinengewebe bezeichnet werden, wenn sie ausgestellt werden: Dass man jetzt nach und nach auch feststellt, dass es zum Teil sich um Nesseln handelt. Das ist nämlich, wenn man nur das Gewebe betrachtet, gar nicht so leicht zu unterscheiden, oder eigentlich erst mal nicht zu unterscheiden. Und dann muss man halt die Fasern speziell, mikroskopisch oder anders untersuchen. Und man kommt jetzt so nach und nach drauf, dass manche Sachen, die man bisher für Leinen gehalten hat, in Wirklichkeit aus Nesseln bestehen. Also nachgewiesen ist Nessel auch schon sehr lange, seit der Altsteinzeit, also seit 30.000 Jahren als Faserpflanze. Weil sie eben auch in der Nähe von menschlichen Siedlungen wächst und dann gesammelt wurde.

Gabi

Ja, die bietet sich ja an. Soweit ich weiß, gibt es verschiedene Sorten von Brennnesseln, oder halt Fasernesseln, im Grunde. Die die wilde Nessel, die wir so draußen am Wegrand finden, auf feuchten Flächen, die hat so knapp 7 % Faseranteil, zirka. Und dann gibt es aber auch Nesselsorten mit bis zu 15 % Faseranteil, die dann für die textile Verarbeitung interessant sind.

Constanze

Ja, wobei, das sind wirklich diese Züchtungen, die man um 1900 oder im frühen 20. Jahrhundert angefangen hat. Also dass man aus gesammelten Nesselsorten aus verschiedenen Gegenden die untersucht hat, und versucht hat zu kreuzen, um den Fasergehalt zu erhöhen. Und man muss noch dazu sagen, es gibt ja sowieso in Mitteleuropa zwei Sorten von Brennnesseln. Es gibt diese 1-jährige, diese kleine Brennnessel. Das ist so eine kleine, zierliche Pflanze, die vielleicht 20 Zentimeter hoch wird. Und dann gibt es diese Stauden-Brennnesseln, die jedes Jahr wiederkommen, und auch riesige – Gärtner werden es wissen – in vernachlässigten Ecken des Gartens, neben dem Komposthaufen, so riesige Rhizome bilden, und jedes Jahr mehr werden. Und die bis zu zwei, drei Meter hoch werden können, wenn sie schön nährstoffreichen Boden haben. Und diese ausdauernde, große Brennnessel, das ist die Brennnessel, aus der man die Fasern gewinnt. Mit der auch gezüchtet wurde.

Gabi

Die ja in den meisten Gärten als Unkraut gilt, aber bei bio-bewussten Gärtnern und Gärtnerinnen trotzdem auch ganz gern stehen gelassen wird, weil halt auch ganz viele Schmetterlinge und andere Insekten sich gerne dran bedienen, an der Brennnessel.

Constanze

Genau. Und man kann Brennnesseljauche draus machen. Was ja sehr nützlich im Garten auch ist.

Gabi

Was unglaublich stinkt, aber ein toller Dünger ist. Je nachdem, wie man das macht.

Gabi

Ich habe auch gefunden, dass schon im zehnten und elften Jahrhundert wirklich auch Schiffstaufe und Segel gemacht wurden aus Brennnessel. Also die Brennnessel hat so eine spannende/ Immer wieder mal gab es Versuche, auch historisch, eine Nesselgarn-Industrie hochzuziehen, aber es hat nie so wirklich durchgeschlagen, kommt mir vor.

Constanze

Ja, ich glaube, der Grund ist wirklich dieser relativ geringe Fasergehalt bei der nicht gezüchteten Brennnessel. Und es scheint es auch so gewesen zu sein, habe ich gelesen, dass auch im Mittelalter – wo möglicherweise wohl auch Kleiderstoffe aus Nesselgarn hergestellt wurden – dass das immer eine ganz regionale Geschichte war. Bei der Leinenindustrie weiß man ja, dass da schon im Mittelalter, dass es Handelsbeziehungen gab, und dass es gewisse Handelsstützpunkte gab, und Leinenstoffe auch über große Strecken verkauft wurden. Und Nessel, das scheint immer eine ganz regionale Produktion, also eigentlich auch eine Heimarbeit gewesen zu sein. Und es scheint keinen überregionalen Handel damit gegeben zu haben. Also das war damals schon mehr so ein Nischenprodukt. Auch wohl eher was für ärmere Leute, weil die halt auch wild gesammelt wurde. Das war einfach ein Rohstoff, der da war, den man nicht anbauen musste, und den man sammeln und verwenden konnte.

Gabi

Ja, voll spannend. Nämlich Leinen einerseits, was du gesagt hast, aber auch Wollstoffe wurden ja schon im frühen Mittelalter über hunderte von Kilometern gehandelt, besonders feine Tuchsorten und so. Und ganz abgesehen von der Baumwolle, zu der wir ja dann später auch noch einmal eine Folge machen werden, die über Kontinente hinweg gehandelt wurde, wo es riesige Handelsnetzwerke gab. Das finde ich sehr spannend, dass die Brennnessel eher so im Heimbereich [verwendet wurde]. Ja, so wie du gesagt hast, weil sie einfach leicht verfügbar ist. Die wächst an jedem Feldrain. Wo es ein bisschen feucht ist, kommt die zuhauf vor, und die kann man einfach leicht/ Ich glaube, ein Teil der Schwierigkeit ist auch, dass im Gegensatz zum Hanf, wo ja die Fasern ganz, ganz lang sind, hat ja die Brennnessel so Knötchen im Stiel, und sind die Fasern vergleichsweise relativ kurz, ich glaube mit 10, 15 Zentimeter.

Constanze

Ja, oder sogar noch kürzer, also so 5 bis 7 Zentimeter sogar nur. Und sie sind wohl nicht, wie bei Leinen und Hanf, in Bündeln angeordnet, sondern relativ vereinzelt. Und ich habe auch gefunden, dass in so einem Stängel dann Fasern von sehr unterschiedlicher Länge und Dicke vorkommen, was dann die Verarbeitung auch schwieriger macht. Also bei Hanf und Leinen sind die Fasern einfach homogener. Die sind überall gleich dick, und alle Fasern sind gleich dick, und auch ähnlich lang. Und das lässt sich dann leichter industriell auch im größeren Maßstab verarbeiten.

Constanze

Was ich dann ganz spannend finde: Im 19. Jahrhundert, wie du sagtest, gab es dann auch im größeren Maßstab Versuche, die Nessel als Faserpflanze zu etablieren. Und ich habe da gefunden, dass das auch darauf zurückging, dass man Anfang des 19. Jahrhunderts so genannten „indischen Nesselstoff“ als Importware hatte. Das ist aber Ramie. Also so eine tropische Nessel, eine Brennnessel-Verwandte, die sehr schöne, sehr, sehr fein ausspinnbare Fasern enthält. Das ist wohl die am feinsten ausspinnbare Faser, die es überhaupt gibt. Und da konnten sehr hochwertige, sehr dünne Stoffe hergestellt werden. Und da dachte man: Ach ja, wir haben ja die einheimische Brennnessel. Geht das dann vielleicht auch, in dem gleichen Maße? Das ist aber eben nicht so einfach.

Gabi

Sehr spannend.

Constanze

Wobei ich überall gefunden habe, dass diese Nesselstoffe, die früher hergestellt wurden, nicht so ein rustikales Gewebe war, sondern dass die Faser durchaus sehr weich, glänzend ist, cremefarben. Also, dass man da mit entsprechender Verarbeitung ein sehr edles Gewebe draus machen kann.

Gabi

Weil du jetzt sagst: sehr edel, und sehr glatt, und cremefarben… Na, da kommen wir dann später dazu. Ich habe hier ein paar Stoffproben von Nesselstoffen, aber das erzähle ich dann später.

Constanze

Ja. Vielleicht sollten wir noch mal auf die Geschichte kommen?

Gabi

Genau. Machen wir zuerst die Geschichte fertig.

Constanze

Ich rede jetzt einfach mal weiter. Ich habe mir so viel Wissen angeeignet! Die Recherche war wieder unglaublich spannend. Weil ich auch nur so ungefähre Vorstellung hatte. Also Versuche, Brennnesseln nach vorn zu bringen, als Faserpflanze, das hat dann auch tatsächlich was mit Konjunkturen bei anderen Faserpflanzen zu tun. Also ab 1861 wurde das nochmal forciert, weil da der Baumwollnachschub aus Nordamerika durch den Bürgerkrieg abbrach, und man diese Importe nicht mehr hatte. Da gab es dann auch Kommissionen, die versucht haben, das zu fördern. Und im Ersten und Zweiten Weltkrieg war es dann auch so. Also auch Erster Weltkrieg, der Versuch, von Baumwollimporten unabhängig zu werden. Da hat man auch gefunden, dass man Nesselfasern ganz gut mit Wolle mischen kann, für Uniformen. Dass das gut funktioniert. Und dann in den 1920er, 30er, 40er Jahren. Aber es hat eben nie dazu gereicht, dass das wirklich eine große Industrie wurde.

Gabi

Auch da haben wir wieder Parallelen zum Leinen und zum Hanf, kommt mir vor. Wo vor allem Hanf in Krisenzeiten, oder wenn man sich unabhängig machen wollte, auf heimische Fasern wieder mehr zurückgegriffen wurde, um zum Beispiel von Baumwollimporten weniger abhängig zu werden. Und im Ersten Weltkrieg habe ich gefunden, dass sich 1917 in Berlin eine Nessel-Anbau-Gesellschaft gegründet hat, die rund 300 Hektar Nesseln aufs Feld brachte und die Bürger aufforderte: Sammelt Brennnesseln! Die haben dann 28 Reichsmark für je 100 Kilo getrocknete Nesselstängel bekommen. Aber das ist dann auch wieder im Sand verlaufen, unter anderem, weil es einfach keine Textilfabriken gab, die diese Fasern dann weiterverarbeitet hätten. Und dann gibt es ja diese Sammlung von Brennnesselsorten an der Uni Hamburg, oder?

Constanze

Ja, das fand ich auch ganz faszinierend, dass es da in den 30er- bis 50er-Jahren Kreuzungs- und Zuchtversuche gab, um den Fasergehalt zu erhöhen. Und das gelang wohl auch. Man hat wohl Sorten erzeugen können, die bis zu 12 oder 15 % Faseranteil haben. Und dass man, als diese Forschung ausgelaufen ist – weil der Forschende wahrscheinlich in Rente gegangen ist, oder so was in der Richtung – also nicht weiter betrieben wurde: Dass man dann über Jahrzehnte diese Pflanzen weiter gezogen hat auf so einem Versuchsfeld. Also dass man die einfach erhalten hat.

Gabi

Um quasi Samen zu gewinnen. So eine Samen… Wie heißt denn das? So eine Art Samendatenbank, im Endeffekt. Oder eine Samenbank?

Constanze

Jaja, mit Getreidesorten und anderen Nutzpflanzen wird das ja auch gemacht. Aber bei Brennnesseln? Also, ich stelle es mir lustig vor, dass man so ein Versuchsfeld hat, wo dann an die 30 Brennnesselsorten wachsen, die dann über Jahrzehnte gepflegt werden müssen. Wo man noch gar nicht weiß, ob das jemals irgendwie eine Anwendung finden wird. Naja, das ist halt ein wissenschaftlicher Ansatz, dass man sagt: Man hat jetzt diese Sorten gezüchtet. Und um damit potenziell überhaupt noch mal was machen zu können, muss man sie eben als Pflanze erhalten, sonst geht das nicht.

Gabi

Ja, und die Samen. Ich glaube, da geht es vor allem um die Keimfähigkeit der Samen, wie lang so Samen keimfähig bleiben. Es ist schon eine Zeit lang her, dass wir einen Garten gepachtet hatten, ein kleines Gartengrundstück. Und da gibt es in Österreich eine Samenbank, die Arche Noah, die vor allem alte Gemüsesorten erhält und auch ein ganzes Netzwerk hat von Züchtern. Wo sie dann Jahr für Jahr die Samen verteilen, damit die die Pflanzen anbauen und wieder Samen sammeln. Weil solche Samen ja nur eine gewisse Zeit dann oft keimfähig sind, und man 50 Jahre alte Samen nicht unbedingt gleich wieder in die Erde steckt, und die keimen dann. Vielleicht war das so was. Ja, sehr spannend. Und aus dieser aus dieser Sammlung an der Uni Hamburg gibt es ja dann die Doktorarbeit von Herrn Dreyer. Die du auch ausgehoben hast.

Constanze

Und mit dem du gesprochen hast. Das finde ich viel interessanter.

Gabi

Das ist richtig. Und von daher wird es wahrscheinlich eine zweite Folge geben müssen, wo ich einfach das Gespräch mit Herrn Dreyer, das ich auch aufgezeichnet habe, dann verarbeite. Weil der einfach sehr spannend und sehr begeistert von seinem großen Steckenpferd, der Brennnessel-Forschung erzählt hat. Von daher haben Constanze und ich jetzt beschlossen, gar nicht so im Detail einzugehen auf den Anbau, und die Zucht, und auch die Verarbeitung von den Brennnesseln, weil wir das dem Herrn Dreyer in der zweiten Podcastfolge zu den Brennnesseln dann gerne überlassen wollen. Jedenfalls hat eben. Jens Dreyer aus Hamburg 1999 seine Doktorarbeit veröffentlicht, wo er eben genau diese Nesselsorten angebaut hat, und verglichen, und dann auch eine Methode entwickelt hat, die zu vermehren. Weil wenn man Brennnesselsamen einfach aussät auf einer Fläche, dann kommen ganz unterschiedliche Fasersorten raus. Und um wirklich diesen hohen, 15 % Faseranteil zu erhalten, muss man die Brennnesseln vorziehen. Also Stecklinge ziehen im Gewächshaus, und die dann auspflanzen. Genau. Und das hat er da gemacht, und hat dann auch weitere Jahre weiter geforscht und das ausprobiert. Und es gibt auch einige Initiativen, die dann versucht haben, kommerziell diese Nesselfasern anzubauen.

Gabi

Ein bisschen eingelesen habe ich mich in den Fall des Stoffkontors in Lüchow. Und da auch herzlichen Dank an Martha. Eine Hörerin. Also Hörerin des Podcasts weiß ich jetzt gar nicht, aber sie war auf jeden Fall beim Textilportal Adventskalender dabei. Und hat mich dann angeschrieben und hat gesagt: Ach, wusstest du, dass es da eine Produktion gab von Nesselstoffen in Lüchow? Und zwar war das zwischen 2000 und 2009. Stoffkontor. Das war ein Herr Kranz, der auf diesen Botaniker, eben auf Herrn Dreyer zugegangen ist, und gesagt hat, er würde gerne in größerem Maßstab Nesselstoffe anbauen. Weil die halt sehr ökologisch wertvoll sind und bei uns regional wachsen und so. Und hat das in großem Maßstab aufgezogen, mit einer Aktiengesellschaft. So um 2000 wurde die gegründet. Hat dann auch ganz viele Bauern ins Boot geholt. Dazu kam, dass die dann auf Brachflächen –  also es gab eine EU Verordnung, die gesagt hat, dass sie auf Brachflächen Brennnesseln anbauen dürfen. Das heißt, die hatten die Brachflächen und gleichzeitig Einkünfte von den Brennnesseln. Jedenfalls dieses Projekt vom Stoffkontor in Lüchow ist sehr schnell sehr groß geworden. Und eben Martha hat mir dann auch Stoffproben geschickt. Sie hat gesagt: „Oh, ich habe da was! Möchtest du mal gern sehen und fühlen, wie sich das anfühlt?“ Und das sind wirklich sehr feine Stoffe. Wobei die jetzt, die ich hier in der Hand habe – was ihr leider nicht sehen könnt, aber vielleicht tun wir ein Foto dazu – die sind gemischt mit Baumwolle. Nämlich 10 bis 40% Brennnessel, und der Rest ist Baumwolle. Und die waren auch mit Mustern, also mit Naturfarben gefärbt, sehr feine Stoffe.

Constanze

Und Jaquard-gewebt, wenn ich das richtig sehe. So mit eingewebten Mustern?

Gabi

Ja genau. Hier ist so ein Efeu-Muster, und dann gibt es so eine Art Nesselmuster, sogar.

Constanze

Da musst du mal ein paar Fotos machen, für die Seite zum Podcast.

Gabi

Ja, genau, da mache ich Fotos davon. Das war eine Weberei im Schwarzwald. Und… genau. Das wurde halt sehr schnell sehr groß hochgezogen. Und ein bisschen vielleicht zu schnell. 2009 ist der Betrieb in Konkurs gegangen. Nachdem vorher wirklich sehr viel Werbung gemacht wurde, auch schon ganz viele weitere Stoffhändler ins Boot geholt. Ich habe Zahlen gefunden von 1500 Stoffhändler wurden schon beliefert. Aber es kann sein, dass das Ganze einfach zu schnell, zu groß wachsen sollte. Weil Brennnessel braucht einfach eine Zeit lang. Das wird Herr Dreyer in dem Interview, das ich mit ihm gemacht habe, dann noch ausführlicher erklären. Aber so eine Nesselfläche muss einfach zuerst vorbereitet werden, der Acker, recht gut. Damit da auch nicht zu viel Unkraut darauf wächst. Was ich total spannend finde, weil eigentlich ist Nessel das Unkraut! Aber in dem Fall ist es halt wichtig, das vorzubereiten. Dann ist die Auspflanzung, oder dieses erste Anbauen, verhältnismäßig unglaublich teuer. Weil für einen Hektar Brennnessel man im Wert von 14.000 € Stecklinge braucht. Aber dafür kann das dann auch – wenn das gut vorbereitet ist, und sich gut eingewachsen hat – dann kann das auch über Jahre bestehen bleiben. Und wird auch die Produktion, der Ertrag immer größer. Aber das heißt: Es braucht einfach Zeit. Die Brennnessel ist jetzt nichts, was man einfach hinpflanzt, und dann wächst es wie Unkraut. Eigentlich spannenderweise. Sondern das braucht eine Vorbereitung, das braucht einen gewissen langen Atem und auch ein kleines, kontinuierliches Wachstum.

Gabi

Und von allem, was ich so recherchiert habe, an Zeitungsartikeln oder Zeitschriftenartikeln, die sich noch im Netz finden, war das halt die Krux bei diesem Stoffkontor in Lüchow, dass die zu schnell zu groß werden wollten.  Und dass es sich dann einfach nicht ausgegangen ist, wie wir in Österreich so schön sagen. Also dass es einfach hinten und vorne nicht zusammengepasst hat.

Constanze

Ja. Und die Verarbeitung scheint tatsächlich auch so ein Knackpunkt zu sein. Weil das eben relativ aufwändig ist, die Fasern aus dem Stängel herauszulösen. Das funktioniert eben so, wie man es bei Hanf und Leinen kennt, dass die Stängel eine Weile welken müssen. Also so eine Rotte, die aber glaube ich sehr kurz ist. Und dann müssen sie trocknen, oder werden dann auch in so einer Art Öfen getrocknet. Dann werden die gebrochen, damit dieser Holzkern in Stücke zerteilt wird. Und dann wird der Rindenbestandteil abgetrennt, wo die Fasern sich drin befinden. Und es sind halt vereinzelte Fasern, nicht diese Faserbündel, wie sie Leinen und Hanf haben. Und Fasern unterschiedlicher Dicke und Länge zusammen. Und das ist für das Verspinnen dann auch relativ aufwändig. Ich glaube, da müssen die Spinnmaschinen dann auch genau darauf abgestimmt werden. Und wenn man dann nicht so große Mengen hat, dann lohnt sich das ja für eine Spinnerei auch nicht so richtig. Deswegen wird meistens eine Mischung mit Baumwolle gemacht. Weil das dann wahrscheinlich ein bisschen mehr Toleranzen hat. Also die Maschinen damit besser klarkommen. Und es ist einfach so: Unsere Textilindustrie ist so extrem auf Baumwollverarbeitung abgestellt, dass alles andere, was eben ein bisschen andere Eigenschaften hat, dann so ein Sonderfall ist. Das ist dann immer ein Nischenprodukt, das ist dann immer teurer, einfach weil diese Verarbeitungsschritte dann auch teurer sind. Und das ist natürlich schwierig, so was am Markt zu etablieren.

Gabi

Wobei die Nachfrage noch nach biologisch und öko produzierten Fasern ja nach wie vor anhält. Und von der Ökobilanz her ist ja die Brennnessel eigentlich ganz toll. Das Einzige, was ich jetzt gehört habe, ist, dass bei der Zucht im Gewächshaus, wenn man eben solche Stecklinge zieht. Da gibt es wohl eine Art Pilz und auch eine sogenannte Trauermücke, die quasi Schädlinge sind, und wo man die ganz kleinen Pflanzen ein bisschen davor schützen muss. Aber selbst das geht ohne Chemikalien. Da gibt es dann sogar so Vliese, so Gaze, die man drüber spannt, damit diese Mücke nicht da hin kommt. Aber sobald die abgehärtet sind und im Freiland ausgepflanzt sind, braucht die Brennnessel eigentlich, braucht man da sonst nichts mehr tun. Man muss ein bisschen jäten am Anfang, damit das andere Kraut, das so auf dem Acker wächst, nicht das überwuchert. Aber ansonsten wäre jegliche Form von Pestiziden sogar/ Also die Brennnessel selber ist ja empfindlich dagegen. Man kann, darf und soll da überhaupt keine Pestizide einsetzen. Von daher ist eigentlich die Ökobilanz großartig. Ein bisschen düngen muss man. Habe ich gehört. Aber ansonsten ist das großartig. Und sobald die da einmal etabliert ist, in so einer Gemeinschaft auf diesem Acker, kann die da einfach bleiben. Eigentlich eine ganz tolle Faser. Halt in der Verarbeitung ein bisschen „schwierig“, in Anführungszeichen.

Constanze

Und halt relativ teuer. Also ich habe noch gefunden, dass die Firma Matthes und Ammann, das ist ein Jerseyhersteller aus Baden-Württemberg. Die haben 2012-13 auch mal versucht Stoffe aus Nesselfasern, in dem Fall Strickstoffe, in größerem Stil herzustellen. Die hatten bei ihrer Firma in Baden-Württemberg ein Feld, und haben dann auch in Ungarn Nesseln anbauen lassen. Und haben sogar eine neue Methode entwickelt, um die Fasern aus dem Stängel herauszulösen. Da gibt es ein Patent auch dazu, das diese Firma entwickelt hat. Und die haben dann 2012-13 auch Jerseystoffe in verschiedenen Qualitäten hergestellt und zusammen mit der Modedesignerin Gesine Jost eine Kollektion machen lassen, von Kleidungsstücken. Und das auch groß vorgestellt, und auch versucht, dafür Abnehmer zu finden, also auch vor allem für die Stoffe. Aber das haben sie dann tatsächlich auch wieder eingestellt. Es gibt noch eine sehr schöne Webseite zu dem Projekt, aber es war einfach wohl so, dass die Nachfrage nicht ausgereicht hat, danach. Letztendlich waren die Fasern 10 bis 15 Mal teurer als Baumwolle. Und das ist einfach ein ganz schöner Preissprung.

Gabi

Oh ja. Und deswegen wird das halt, wie du gesagt hast, zum Nischenprodukt. Weil es halt so teuer ist, dass es sich nur Leute leisten wollen, die tatsächlich sehr großen Wert darauf legen.

Constanze

Ja genau. Und es gibt ja eben diese Konkurrenzfasern, Leinen und Hanf, die auch ein bisschen einfacher zu finden sind im Stoffgeschäft, oder aus denen es eben auch Kleidung gibt. Und da weiß ich nicht, ob man dann für die Diversifizierung dann diese Brennnessel wirklich noch braucht. Also wo der Platz der Brennnessel dann ist, wenn sie relativ schwierig zu verarbeiten ist und dann die Stoffe so dermaßen teuer sind. Das ist schwierig, wenn es Materialien gibt, die ein ökologisch ähnliches Profil haben und auch vom Tragekomfort und von den Stoffen, die dabei rauskommen, sehr ähnlich sind. Dann ist ja immer die Frage: Was ist mit der Faser, die am teuersten ist, und die aber eigentlich keine anderen Eigenschaften mitbringt. Also wo ist da der Markt dafür? Ich kann das schon nachvollziehen, dass das gerade für Nesseln sehr schwierig ist.

Gabi

Wo ist da der wirtschaftliche Markt dafür? Es gibt auch eine Firma, Dr. Beckhaus, die haben dann die Geräte von Kranz, von dem Stoffkontor aufgekauft. Und agieren auch nach wie vor, unter nettlefibercompany.com findet man die. Die bauen auch Hanf an, also Brennnessel und Hanf, und verarbeiten das auch miteinander, oder zumindest auf denselben Anlagen, weil das offensichtlich geht. Und haben den Vertrieb ihre Naturfasergarne an die Firma Havetex übertragen. Und sind da nach wie vor auch dabei, auch mit Unterstützung und Förderungen, weiter zu forschen. Auch im Europäischen Landwirtschaftsfonds haben Sie da Projekte laufen? Also da gibt es schon etwas. Und auch von Herrn Dr. Dreyer habe ich erfahren, dass es in Niedersachsen einen Betrieb gibt. Da weiß ich jetzt nicht genau, wie der heißt. Aber der eben schon seit Jahren Nesselfelder hat, die auch sehr gut gedeihen, und die so gut eingewachsen sind, dass regelmäßig schöne Erträge da auch abfallen.

Constanze

Hast du den Stoffgeschäfte gefunden, wo man Nesselstoff aus Fasernesseln kaufen kann? Also, ich habe bei Anita Pavani was gefunden, das sind allerdings Brennnesseln aus Nepal. Das ist die Himalaya-Nessel, das ist noch eine ganz andere Pflanze, und das hat mit der hiesigen Brennnessel nichts zu tun. Da gab es Stoffe, aber so aus einheimischer Nessel.

Constanze

Ich will immer Nesselstoff sagen. Vielleicht sollten wir das auch noch mal erwähnen: Man erkennt ja als Schneiderin auch den Nesselstoff, so einen ziemlich groben, cremefarbenen, meistens ungebleichten, leinwandbindigen Stoff, den man zum Beispiel nimmt, um Schnittmuster auszuprobieren. Oder auch für Theaterdekorationen oder so was. Und das hat tatsächlich mit Brennnesseln natürlich nichts zu tun, weil das einfach so ein ganz billiger Baumwollstoff ist. Aber man vermutet, dass das historisch tatsächlich so ist, dass solche Stoffe – also so einfache, cremefarbenen Stoffe – früher aus Fasernesseln, oder aus Brennnesseln gemacht wurden. Zu Hause gewebt wurden in dieser Heimarbeit. Und dass diese Stoffbezeichnung dann irgendwann auf diesen einfachen Baumwollstoff übergegangen ist, einfach weil der auch so ähnlich aussieht wie ein einfacher Stoff aus Nesselfasern. Das ist vielleicht ein bisschen verwirrend, wenn wir hier von „Nesselstoff“ sprechen.

Gabi

Von „Nesselstoff“, weil das eine Bezeichnung ist für eine bestimmte Stoffsorte, die jetzt nicht unbedingt etwas mit der Brennnessel zu tun hat.

Constanze

Aber hast du Nesselstoffe irgendwo gefunden, die man kaufen kann?

Gabi

Nein, habe ich jetzt ad hoc nicht gefunden. Es gibt eben diese Firma Havetex, bei der man wohl Nesselzwirne teilweise bekommen können soll. Die haben auch Jute, ich bin gerade auf der Webseite von denen. Aber so richtig/ Vor allem: Wenn, dann wären es wahrscheinlich auch keine reinen Brennnessel-Stoffe, weil die ja immer gemischt wurden. Weil eben die Verarbeitung – so wie du schon vorher gesagt hast: Weil die Brennnessel hat einzelne Fasern, und da kann es dann anscheinend auch vorkommen, dass da noch so Knötchen drauf sind. Oder dickere und dünnere Stellen, sodass die Optik dieses Stoffes nicht sehr gleichmäßig ist. Und – so, jetzt muss ich nachschauen: Ich glaube, das war das Institut für Pflanzenkultur? Nein, oder die FH Mönchengladbach? Ein Institut, das sich auch mit den Stoffen beschäftigt und wo Herr Dreyer mal 20 Kilo Nesselstoff, also Nesselfasern, selbst hergestellt hat, selbst gebrochen, kardiert usw. und das da hin gebracht. Und wo er dann die Rückmeldung bekommen hat, dass die Fasern zu ungleichmäßig wären, um das so jetzt einfach verspinnen zu können. Also dass man quasi noch ein bisschen an der Qualität arbeiten muss. Da gibt es offensichtlich noch Bedarf. Und das fände ich auch interessant, da noch mal genauer nachzufragen, was das jetzt heißt, dass die Faserqualität zu schlecht ist. Also woran das dann liegt: Ob das dann reißt beim Spinnen, oder ob diese Knötchen… Ich weiß es nicht genau. Das habe ich noch nicht rausgefunden. Aber ich habe jetzt Nesselstoff so zum Kaufen eigentlich, nein eben keinen gefunden. Wo man wirklich sagt, dass das aus Brennnesseln hergestellt ist, oder 100 % Brennnessel sogar.

Constanze

Nee, habe ich auch nicht gefunden.

Gabi

Das Einzige, was man natürlich tun kann: Also, jetzt Brennnessel anpflanzen, selber zu Hause, ob das jemand im Garten wirklich machen will, weiß ich nicht so genau. Aber es gibt Kurse zur Herstellung von Brennnesselfasern. Also Verarbeitung von Brennnesseln bis zur Faser. Das macht Christiane von „Faser und Farbe“. Und ich bin sehr gespannt, weil das ist etwas, was ich wirklich ganz gerne dieses Jahr ausprobieren würde. Mal so einen Brennnesselkurs bei ihr zu besuchen, einfach um das auszuprobieren. Und eine Freundin hat mir letztens so ein kleines Bündel ganz weicher, feiner Fasern in die Hand gedrückt und gesagt: „Rate mal, was das ist?“ Und nachdem es kein Leinen war und kein Hanf, habe ich gesagt: „Brennnessel?“ Und sie sagt: „Ja, das ist Brennnessel!“ Die hat sie gerade letztes Jahr bei einem Kurs selbst hergestellt. Ich möchte das ganz gern mal ausprobieren. Ich denke, für die Hobby-Textilwerkerinnen unter uns… Ist im Unterschied zu Leinen, wo es ja so Initiativen gibt wie „Zieh Lein!“, die wir ja schon mal erwähnt haben, wo man selber Leinen im Hausgarten anbaut, ist die Brennnesselfaser ja einfach etwas, das man wirklich ernten könnte, mal am Wegrand, um das auszuprobieren. So ein bisschen rösten.

Constanze

Das ginge sogar hier in Berlin. Ich müsste nur aus dem Haus raus und ein Stück nach links. Da ist noch so ein altes, verfallenes Waschhaus, um das so ein Dickicht herum wächst. Und da wäre jede Menge Brennnessel zum Ernten. Also jetzt nicht, aber im Spätsommer dann. Also mir fallen auf Anhieb hier jetzt im Umkreis von zwei Kilometer, innerhalb des S-Bahn-Rings in Berlin Stellen ein, wo ich ohne weiteres Brennnesseln sammeln könnte.

Gabi

Ja, und abschneiden. Also wie gesagt, die Erntezeit ist im August. Das ist auch eine Zeit, wo sie dann schon die Blätter ein bisschen fallen lässt. Und wo man die dicken, holzigen Stängel abschneiden kann. Und das so aus Liebhaberei vielleicht einfach mal versuchen könnte, was man dabei rauskriegt.

Constanze

Ich bin gespannt auf deinen Kurs. Wenn du das machst, dieses Jahr.

Gabi

Ja, ich bin auch sehr gespannt. Ich muss jetzt mal schauen, wann die nächsten Termine sind, aber das werde ich auf jeden Fall [machen]. Weißt du von anderen Kursen im deutschsprachigen Raum, wo Brennnessel verarbeitet wird?

Constanze

Nein, ich habe auch „Faser und Farbe“ gefunden. Kann gut sein, dass es da noch mehr gibt, was ich jetzt ad hoc nicht gefunden habe. Ich habe noch eine Initiative gefunden: „Swiss Nettle“ nennen die sich. Das ist so eine Art Start-Up. Da gibt es aber anscheinend bisher nicht viel mehr als eine Webseite. Die wollen die Faserproduktion aus Brennnesseln in der Schweiz fördern und gleichzeitig auch alle anderen Pflanzenteile verarbeiten. Weil man ja aus den Blättern und aus den Samen noch diverse Nebenprodukte herstellen könnte: als Dünger oder als Tee oder Nahrungsmittelbestandteile und alles Mögliche. Diese Holzteile vom Stängel, die können als Streu für Kleintiere – Kaninchen, Hamster, Meerschweinchen – genutzt werden, oder für Dämm-Zwecke, sowas in der Richtung. Und da soll anscheinend alles von der Brennnessel verarbeitet werden. Es gibt eine Website, aber wie da der Stand ist, kann man eigentlich nicht richtig erkennen. Es ist aber auch so eine lokale Initiative, die dann auch alles lokal verarbeiten möchte.

Gabi

Das können wir ein bisschen verfolgen. Was mir gerade noch einfällt, ist der Brennnessel-Spinat im Frühling. Die ersten zarten Blätter. Also wenn man die Brennnessel auch als Medizinpflanze oder als Gemüsepflanze [betrachtet]. Meine Eltern haben das nie gemacht und ich eigentlich auch nicht. Aber ich weiß, dass es Leute gibt, die, wenn die Brennnesseln im Frühjahr zu sprießen beginnen, dann die ganz feinen jungen Blätter sammeln und das als Brennnesselspinat essen. Es gibt Tee aus Brennnesselblättern, der irgendeine ganz tolle Wirkung hat, die mir jetzt entfallen ist. Aber vielleicht ist ja unter den Hörerinnen und Hörern jemand, der sagt: Ja! Ich weiß genau, wofür die Brennnessel noch alles gut ist.

Gabi

Ja, aber das ist doch ein schöner Abschluss. Falls jemand von unseren Hörerinnen und Hörern noch andere Initiativen kennt, die sich mit Brennnessel beschäftigen, oder weiß, wo man einen Kurs machen kann, dann bitte gerne eine Nachricht an uns schicken. Ansonsten danke ich dir für das Gespräch, Constanze. Spannend wie immer.

Constanze

Ja, sehr gerne. Ja, man lernt ja selber total viel dazu. Es sind immer Themen, bei denen ich zwar schon ein gewisses Grundwissen habe, aber das dann sehr ausbauen kann, im Laufe der Recherche.

Gabi

Oh ja. Und da freue ich mich auf unsere nächsten Episoden. Und auch auf die Episode, wo einfach Herr Dreyer erzählt von seiner Leidenschaft mit diesen Brennnesseln. Auf das freue ich mich. Das werde ich als Ergänzung zu dieser Podcastfolge, noch eine zweite Podcastfolge einfach veröffentlichen müssen. Weil das war so spannend.

Constanze

Ja, darauf bin ich auch sehr gespannt.

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5 Kommentare zu „Faserserie: Die Brennnessel: Zart, aber schwierig (Podcast #014)“

  1. Hallo, danke für deine tollen, sehr informativen und unterhaltsamen Podcasts!
    Mechthilde Frintrup hat Das Brennesselbuch geschrieben und gibt auch Kurse, siehe andas-werkstatt.com. Sie beleuchtet die Brennessel sehr umfangreich (Fasergewinnung, -verwendung, Blätter, Samen, …).
    Herzliche Grüße!

    1. Avatar-Foto
      Constanze Derham

      Danke für den Buchtipp! Andas Werkstatt hatte ich gefunden, sie ist auch in den Shownotes verlinkt, aber dass es dazu auch ein Brennnesselbuch von ihr gibt, hatte ich nicht bemerkt.
      Viele Grüße!

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