Rückblick auf die „Österreichischen Konsumdialoge – Textilien“ (Podcast #024)

Aktualisiert am 7. August 2023.

Über drei volle Tage, vom 29. Juni bis zum 1. Juli 2023 haben in Hallein bei Salzburg, die österreichischen Konsumdialoge zum Thema Textilien stattgefunden. In dieser Podcastfolge kommen vier Personen zu Wort, die ich dort getroffen habe.

  • Veronika Bohrn Mena, eine Gründerin der Konsumdialoge, spricht über die Ziele dieser Veranstaltung;
  • Der Lehrer Michael Sellinger berichtet, wie die Modeschule Hallein Nachhaltigkeit in die Ausbildung integriert;
  • Astrid Lamprechter, die Geschäftsführerin der GWS, erzählt von ihren fast ausschließlich in Österreich produzierten, kompostierbaren „Lieber Wieder“ T-Shirts,
  • und Roland Taferner, Geschäftsführer des österreichischen Bundesverbandes für Schafe und Ziegen, meint, wie cool das wäre, wenn in Zukunft in jedem österreichischen Kleiderschrank ein Stück aus heimischer Schafwolle zu finden wäre.
v.l.o.n.r.u: Veronika Bohrn Mena, Michael Sellinger, Roland Taferner, Astrid Lamprechter; Fotos (c) Liebentritt.

Am Schluss der Folge gebe ich einen Ausblick auf eine Veranstaltung, die ich selbst organisiere: Ende November werden wir uns beim Zukunftsworkshop „Lokale Textilproduktion“ vertieft mit den Themen Schafwolle und Flachs bzw. Hanf entlang der Produktionskette beschäftigen.

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  • 00:03:25 Veronika Bohrn Mena, gemeinnützigen Bundesstiftung Común
  • 00:12:58 Michael Sellinger, Modeschule Hallein
  • 00:23:07 Astrid Lamprechter, GWS und „Lieber Wieder“
  • 00:32:00 Roland Taferner, österreichischen Bundesverband für Schafe und Ziegen
  • 00:41:17 Veranstaltungshinweis: Zukunftsworkshop „Lokale Textilproduktion“ am 24.11.2023 im Stift St. Lambrecht, Steiermark

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Einleitung

Die Konsumdialoge wurden von der gemeinnützigen Bundesstifung Común veranstaltet, die vom jungen Ehepaar Veronika und Sebastian Bohrn Mena ins Leben gerufen wurde. Das Programm gestaltete die Autorin und Aktivistin Nunu Kaller, die ja bei mir in der Podcastfolge Nr. 17 zu Gast war, wo wir über „guten Konsum“ gesprochen und die Konsumdialoge angekündigt haben.

Dieses Jahr ging es bei den Konsumdialogen um das Thema Textilien, und zwar aus sehr unterschiedlichen Perspektiven: Es ging um Wege weg von Fast Fashion hin zu Fairer und nachhaltiger Produktion im In- und Ausland; Es ging um den Second Hand Kleidungsmarkt und Möglichkeiten des Textilrecycling; es ging um die Glaubwürdigkeit von Gütesiegeln, und darum, was wir von der Politik brauchen, um die Chancen einen heimischen Textilwirtschaft zu erhöhen.

Zum Gespräch und Austausch angereist waren einerseits die vielfältigen geladenen Expert:innen von großen Textilfirmen und Modelabels, von Interessensverbänden, aus Ministerien und vor allem grüne Politiker:innen, sowie Aktivist:innen aus Österreich, Chile und Bangladesch.

Zusätzlich saßen im Publikum zahlreiche Schüler:innen sowie allgemein interessierte Personen aus Hallein und Umgebung.

Neben den zentralen Podiumsdiskussionen fanden auch Workshops zum Thema Upcycling und Reparieren statt, eine Ausstellung von nachhaltigen Abschlusskollektionen der Modeschüler:innen und ein Kleidertauschmarkt im Turnsaal der Modeschule Hallein, die sich als Veranstaltungsort zur Verfügung stellte.

Ich war an allen drei Tagen die ganze Zeit dort und habe mir alles angehört, weil ich klarerweise das Thema „nachhaltiger Modekonsum“ insgesamt so spannend finde.

Um einen kleinen Einblick in einige Bereiche zu geben, habe ich mehrere kurze Interviews aufgenommen.

Los geht’s mit einem Gespräch mit der Gründerin der gemeinnützigen Bundesstiftung Común, Veronika Bohrn Mena. Sie habe ich über die Rolle dieser Stiftung und ihrer Aktivitäten in der Gesellschaft befragt. Und Veronika erzählt über eines der nächsten Ziele: Die österreichische Regierung zur Unterstützung des Lieferkettengesetzes (siehe letzte Podcastfolge) im EU-Parlament zu bewegen.

Veronika Bohrn Mena, gemeinnützige Bundesstiftung Común

Gabriele Brandhuber

Veronika, meine erste Frage: Was ist denn eigentlich eine Bundesgemeinwohlstiftung? Was kann ich da drunter verstehen?

Veronika Bohrn Mena

Gemeinnützige Bundesstiftung, das bedeutet de facto nichts anderes als: Der Großteil der Stiftungen, die wir in Österreich haben, sind eigennützig. Das heißt, da profitiert eine private Person oder eine private Familie davon. Und da geht es de facto darum, dass Leute ihr Vermögen vergrößern wollen und Geld an der Steuer vorbeischleusen wollen. Und wir sind genau das nicht. Wir sind eben eine gemeinnützige Stiftung. Das heißt, die Begünstigten von unserer Stiftung sind die Allgemeinheit. Und all das Kapital, das in der Stiftung drinnen steckt und alles, was die Stiftung tut, kommt der Allgemeinheit zugute und nicht uns. Der gesetzlich korrekte Ausdruck dafür ist „gemeinnützige Bundesstiftung“. Es gibt davon in Österreich aber sehr wenige, weil das relativ kompliziert zu gründen ist und man sehr streng geprüft wird. Also wir wurden insgesamt ein Jahr lang von der Finanzprokuratur durchleuchtet, und das war relativ aufwändig. Aber dafür sind wir halt seit Tag Eins unserer Gründung gemeinnützig und müssen nicht so wie Vereine zum Beispiel, oder andere Initiativen, erst einmal ein paar Jahre aktiv sein, um dann um die Gemeinnützigkeit anzusuchen. Und bei uns geht es im Endeffekt darum, dass wir eine Kapitalbasis stellen wollen, aber auch Projekte und Initiativen setzen wollen, die Debatten anstoßen, die der Allgemeinheit zugutekommen und die einen positiven Wandel in der Gesellschaft herbeiführen sollen. Wobei es vorwiegend darum geht, dass wir Ökologisches und Soziales zusammendenken und eben nicht gegeneinander ausspielen wollen. Das ist so der neue Ansatz bei uns, würde ich sagen.

Gabriele Brandhuber

Wie seht ihr denn eure Rolle? Also bei den Konsumdialogen hatte ich so das Gefühl, es ist: Dinge anzustoßen, auch eine gewisse Vermittlerrolle vielleicht, zwischen Politik und Zivilgesellschaft. Habe ich das richtig wahrgenommen? Oder wie siehst du eure Rolle in der Gesellschaft?

Veronika Bohrn Mena

Ja, genau. Und zwar im Idealfall nicht nur zwischen Politik und Gesellschaft, sondern auch zwischen Zivilgesellschaft und Unternehmen. Also bei den Konsumdialogen geht es grundsätzlich immer darum, Akteur:innen miteinander in den Austausch zu bringen, die normalerweise nicht miteinander reden. Wir haben in Österreich ganz viele Veranstaltungen, aber meistens ist es halt so, dass die Leute eher unter sich bleiben. Also da gibt es die Sozialpartner-Veranstaltungen, da gibt es die Veranstaltungen von der Wirtschaft, die von NGOs, wo dann vielleicht noch Politik ein bisschen dabei ist. Aber die Kombination aus Konsument:innen, Zivilgesellschaft, Schüler:innen, einfach interessierten „normalen“ Leuten, die vielleicht noch nicht einmal politisch irgendwie aktiv sind, oder sich wenig mit dem Thema beschäftigt haben, bis zu Wirtschaftstreibenden, über NGOs und halt auch Akteur:innen aus anderen Ländern: die ist so in Österreich bis jetzt noch nicht da. Und ich glaube, das ist ein Fehler. Also ich glaube, dass das was ist, was wirklich sehr befruchtend wirkt. Und wo alle Beteiligten sehr viel mitnehmen können. Weil man halt zwangsläufig auch mit Perspektiven konfrontiert wird, die man selber noch nicht hat. Und ich glaube aber, dass das wichtig ist, wenn man wirklich vorankommen will. Also wenn es wirklich darum geht, gemeinsam in der Gesellschaft was weiterzubringen, dann braucht man das, glaube ich auch.

Gabriele Brandhuber

Ja, ich fand diesen Mix auch sehr spannend, den ihr da gehabt habt, oder wen ihr eingeladen habt. Letztes Jahr habt ihr die ersten Konsumdialoge durchgeführt und die waren zum Thema Ernährung. Da ging es um Lebensmittel, und dieses Jahr ging es ja um Textilien. Und da fand ich es sehr spannend. Es war zum Beispiel von einem großen Sportbekleidungshersteller jemand da, der so ein ganz typischer Wirtschaftler ist. Und dann war jemand von einer EZA Zusammenarbeit aus Bangladesch war da. Und auch eine Aktivistin aus Chile, die berichtet hat über die in der Atacama-Wüste abgelagerten Textilberge. Und das fand ich sehr spannend, diese unterschiedlichen Bereiche. Es gab eben ganz viele sehr intensive Podiumsdiskussionen und auch teilweise Debatten, die so richtig ein bisschen hitzig geworden sind. Welche Ergebnisse erwartet ihr euch denn von der Veranstaltung? Da ist jetzt ganz viel Austausch passiert, und wie geht das jetzt weiter?

Veronika Bohrn Mena

Ja, das freut mich total, dass du das so erlebt hast. Das war eben auch die Idee dahinter. Und weitergehen tut es damit, dass wir diese sehr angeregten Debatten jedenfalls weiterführen wollen. Also die Konsumdialoge sollen immer der Beginn von etwas sein, nicht das Ende. Und wir streben an – bei einer Podiumsdiskussion haben wir es ja geschafft, uns darauf zu einigen, dass es einen gemeinsamen Nenner gibt, zwischen Klimaschützer:innen und Aktivist:innen und Zivilgesellschaft und aber eben auch der Wirtschaft und der Industrie, aber eben auch der Politik. Und das ist das Lieferkettengesetz. Und was wir jetzt als Nächstes planen, ist, dass wir schauen, dass wir diese Vernetzung jedenfalls fortführen. Und in dieser breiten wie ungewöhnlichen Koalition dann halt auch wirklich zusammen fürs Lieferkettengesetz eintreten. Weil es ist zwar ein Teil der Regierung dafür, aber noch nicht die ganze. Und da geht es jetzt ans Eingemachte. Und das wird in den nächsten Monaten wichtig sein, dass wir da neue Allianzen bilden und dementsprechend auch einen größeren Druck ausüben können. Weil, ich sage es einmal so: Wenn es immer nur die üblichen Verdächtigen sind, und wenn es immer nur die gleichen NGOs sind, die immer das Gleiche fordern, dann hat das irgendwann einmal keine Wirkung mehr, weil wir es alle schon hundertmal gehört haben. Und wenn sich aber neue Allianzen bilden, und wenn Unternehmen selbst, von sich aus, sagen: „Na, wir wollen das aber auch!“ – obwohl es immer heißt, dass das angeblich wirtschaftsfeindlich wäre – dann versprechen wir uns dadurch halt eine größere Wirkung.

Gabriele Brandhuber

Ja, genau. Und in der gemeinnützigen Bundesstiftung habt ihr ja auch ein Volksbegehren gestartet für das Lieferkettengesetz, um einfach die österreichische Bundesregierung auch dazu zu bringen, dass die auch dafür stimmen im EU-Parlament, wenn ich das jetzt richtig verstanden habe.

Veronika Bohrn Mena

Das Volksbegehren haben nicht wir gestartet, aber wir haben die Initiative für das Lieferkettengesetz gegründet. Vor zweieinhalb Jahren oder so? Und haben im Zuge dieser Initiative über die letzten Jahre sehr viel gemacht. Am Anfang ging es einmal darum, das Lieferkettengesetz überhaupt bekannt zu machen. Weil das kannte damals eigentlich noch niemand. Und das dann mal in die Medien zu bringen, und das ist uns eigentlich relativ schnell, relativ gut gelungen. Dann ging es darum, vor allem politische Akteur:innen davon zu überzeugen. Da haben wir jetzt, ich sage mal so: in der progressiveren Reichshälfte eh schon alle zustimmend dabei, die wir haben wollten. Und jetzt geht es darum, von der anderen Hälfte der Regierung noch zu versuchen, die auch noch ins Boot zu holen. Und wir versuchen das jetzt eben, indem wir gezielt versuchen, auch Unternehmen dafür zu begeistern, dass das Lieferkettengesetz durchaus etwas ist, was jetzt zumindest der heimischen lokalen Wirtschaft massiv entgegen spielt. Also die Einzigen, die vom Lieferkettengesetz nicht profitieren, sind international agierende globale Konzerne. Nur: Die zahlen in Österreich weder Steuern noch bringen sie sonst eine besondere Wertschöpfung für Österreich mit. Also so gesehen, das können wir eigentlich verkraften, würde ich jetzt mal behaupten.

Gabriele Brandhuber

Ja, wunderbar. Genau. Und über das Lieferkettengesetz gibt es auch eine eigene Podcastfolge hier im Textilportal. Die kann man sich anhören, wenn man mehr über dieses Lieferkettengesetz wissen will.

Veronika Bohrn Mena

Wir haben außerdem auch ein Buch zu dem Thema Lieferkettengesetz geschrieben. Das heißt „Konzerne an die Kette“ und ist vor eineinhalb Jahren im Brandstädter Verlag e

Gabriele Brandhuber

Sehr gut. Das werde ich auf jeden Fall verlinken. Sehr schön. Gut. Vielen herzlichen Dank und weiterhin viel Erfolg mit euren Konsumdialogen.

Veronika Bohrn Mena

Vielen herzlichen Dank fürs Dabeisein, und schön, dass es dir gefallen hat.

Michael Sellinger, Modeschule Hallein

Die Modeschule Hallein, in der die Konsumdialoge stattfanden, bietet eine reguläre fünfjährige Ausbildung mit Matura (Abitur), in den Bereichen Mode und Hairstyling, Visagistik und Maskenbildnerei , sowie das zweijährige Kolleg „Modedesign“.

Ein Kolleg ist – für all jene, die mit dem österreichischen Bildungssystem nicht so vertraut sind – eine zwei- bis dreijährige intensive Berufsausbildung, die man nach der Matura/ also dem Abitur absolvieren kann.

Der Leiter der Abteilung Mode, Michael Sellinger, hat früher viele Jahre bei großen Modelabels in London und Mailand gearbeitet. Ihn habe ich dazu befragt, wie die Modeschule das Thema „Nachhaltigkeit“ im Lehrplan des zweijährigen Kollegs integriert.

Gabriele Brandhuber

Ich habe jetzt bei mir den Herrn Michael Sellinger von der Modeschule Hallein. Und ich muss vorausschicken, ich habe immer so ein bisschen das Gefühl gehabt, Modeschule oder überhaupt der ganze Modebetrieb: Da macht man 2 bis 4 Kollektionen im Jahr, und es muss immer was Neues sein. Also ich habe immer das Gefühl gehabt, diese Modeindustrie befeuert eigentlich das Oft sich was kaufen. Viel kaufen. Immer wieder was Neues. Das ist das, was für mich die große Modeindustrie ausmacht. Jetzt haben Sie aber gestern gesagt, dass Sie hier in der Modeschule in Hallein auch ganz viel für Nachhaltigkeit tun. Wie vermitteln Sie denn Ihren Schülern und Schülerinnen Nachhaltigkeitsthemen? Was machen Sie da?

Michael Sellinger

Wir machen jetzt seit fünf Jahren das Kolleg. Und wir haben das für uns selbst auch definieren müssen: Was ist denn Nachhaltigkeit und was gehört da alles dazu? Und wir haben das über den Produkt-Lebenszyklus mal angefangen zu definieren. Also steht am Anfang die Materialauswahl. Und da versuchen wir ins Design mit einzubeziehen: Was sind die ökologischen oder die sozialen Auswirkungen meiner Materialauswahl? Klassisch: herkömmliche Baumwolle und Biobaumwolle, was sind da die unterschiedlichen Auswirkungen? Aber auch neue Materialentwicklungen: Milchfaser oder solche Dinge. Da schauen wir uns an, was da die Bilanz ist, wenn ich diese Materialien nehme. Aber es läuft dann auch weiter zur Produktion, wo es ja sehr chemieintensive Prozesse gibt mit Färben und Bleichen zum Beispiel auch. Und wir haben in den letzten Jahren auch Konzepte oder Abschlusskollektionen zum Beispiel gehabt, wo man nur mit Pflanzen gefärbt hat. Und klar: Das ist etwas, was nicht in der Masse oder in der Menge machbar ist, aber für kleine Kollektionen oder kleinere Labels ist das sicher auch was, was machbar wäre. Oder auch in dem Bereich liegt zum Beispiel noch das „Zero Waste Pattern Cutting“ [Zuschnitt von Schnittmustern, ohne dass Abfall übrigbleibt], im Bereich der Produktion, wo wir verschiedene Projekte gemacht haben, oder auch es fix Teil der Ausbildung ist, im ersten Jahr. Und manche entscheiden sich dafür, das auch für die Abschlusskollektionen aufzunehmen.

Gabriele Brandhuber

Dieses Zero Waste Pattern Cutting.

Michael Sellinger

Genau. Sonst fällt ja in der Produktion, schon beim Zuschnitt, diese kleinen Teile zwischen den Schnittteilen weg und man hat 15 Prozent, die dann schon Abfall sind, bevor ich überhaupt zum Produkt komme. Um das geht es da. Und das nächste ist dann, wie der Kunde die Kleidung verwendet. Auch da sehen wir das schon als Teil des Designs, dass man das von Anfang an mitdenkt. Das erste Projekt im Kolleg, das heißt „Tell me a Story“. Und die Studenten müssen ein Material finden, über das sie eine spezielle Geschichte erzählen können, um damit beim Kunden eine gewisse Bindung zu diesem Kleidungsstück zu erzeugen. Das ist bei uns in der Ausbildung noch ein bisschen kreativer, als es in der Branche dann ist, vielleicht. Weil mit ein bisschen mehr Freiraum. Aber das ist halt genauso die Fragestellung in der Branche, und alle Modelabels werden auch in nächster Zeit versuchen da ein bisschen mehr mitzugeben. Also die, die nachhaltig arbeiten, die wollen das sicherlich auch kommunizieren in Zukunft. Also solche Dinge schneiden wir da an. Aber auch so Sachen wie multifunktionales Design, also ganz klassisch. Ich kann das Innenfutter aus einer Jacke rausnehmen, dann kann ich es im Winter und im Frühjahr tragen und ein Teil ersetzt dann sozusagen zwei Teile, die ich mir kaufen müsste.

Und dann ein großer Punkt ist natürlich auch noch: Was passiert denn, wenn das Kleidungsstück nicht mehr getragen wird? Kann das Material recycelt werden? Kann sich der Kreislauf schließen? Kann es wieder zum Ausgangsmaterial werden? Oder auch Upcycling ist etwas, was in den letzten Jahren auch für Abschlusskollektionen zum Beispiel öfter aufgegriffen worden ist. Wo wir auch schöne Kollektionen haben, auch in diesem Jahr zum Beispiel.

Gabriele Brandhuber

Wie lange haben Sie gesagt, dauert das Kolleg?

Michael Sellinger

Zwei Jahre.

Gabriele Brandhuber

Das heißt, man könnte jetzt nach einer Matura, aber auch später, wenn man schon älter ist, also auch in meinem Alter (lacht) könnte ich auch immer noch einsteigen.

Michael Sellinger

Genau, wir haben auch eine relativ bunte Mischung. Der Großteil ist schon, die haben vielleicht eine AHS-Matura, oder eine Matura auf jeden Fall, wo sie überhaupt keine Anknüpfungspunkte hatten mit Mode oder Design meistens. Und dann in den Bereich einsteigen. Da sehen wir schon eine bisschen eine Lücke. Die Unis, wo man Modedesign studieren kann, die haben eine relativ hohe Einstiegshürden: Da muss ich mit einer Mappe kommen und muss schon eine Aufnahmeprüfung machen. Aber jemand, der jetzt aus einer AHS kommt, mit Matura, der hat ja eigentlich keine Chance, da direkt reinzukommen. Und da wollen wir uns halt positionieren, dass man in diesen Modebereich einsteigen kann. Und manche studieren halt dann danach noch für einen Bachelor Modedesign, die wollen sich da vertiefen. Aber man kann halt auch schon zum Arbeiten anfangen. Man hat die Grundlagen in den meisten Bereichen und muss halt im Berufsleben schon noch sich vertiefen und was dazulernen.

Gabriele Brandhuber

Wie immer, ja. Weil ja in der Ausbildung [kann man gar nicht so viel Praxis machen]/ Wobei, die Schülerinnen und Schüler lernen ja nähen, habe ich gesehen. Da drüben gibt es Räume mit Industrienähmaschinen auch.

Michael Sellinger

Genau, es sind drei Säulen. Das eine ist diese Design-Nachhaltigkeit, das verschmilzt ziemlich, weil wir bauen die Nachhaltigkeit schon in diesen Designprozess ein. Dann gibt es das Handwerk. Ein großer Teil der Stunden ist wirklich praktisch. Weil das braucht halt einfach mehr Zeit, um sich da einzufinden und das auch zu erlernen. Und dann gibt es noch die wirtschaftliche Komponente.

Gabriele Brandhuber

Oh ja, ganz wichtig.

Michael Sellinger

Es gibt viele, die wollen vielleicht in die Selbstständigkeit gehen, später. Und da brauchen wir das auch. Und wir versuchen das halt auch wirklich auch zu verknüpfen. Und es gibt schon so einen fast schulischen Stundenplan, das ist schon so abgebildet. Aber es wird halt fächerübergreifend gearbeitet. Also im Entwurf mache ich mein Design für den Rock. Dann nehme ich das mit in den Schnitt, und mache den Schnitt dafür. Und dann nehme ich es mit in die Fertigung, in praktische Arbeit. Und dann idealerweise überlege ich mir auch noch ein Marketingkonzept oder ein wirtschaftliches Konzept dazu. Und man kann sich das immer so als Projektarbeit vorstellen. Und man hantelt sich so hoch. Also das erste Werkzeug ist ein Rock, und dann kommt die Bluse… Und das steigert sich dann immer so, und am Schluss steht halt diese Abschlusskollektion, in der man relativ frei ist, was die Themenwahl betrifft. Also man muss ein Nachhaltigkeitskonzept schon dazu erstellen, aber wo man sich darin findet, in dem Bereich, das ist offen.

Gabriele Brandhuber

Wie ist das im Verhältnis zu zum Beispiel einer Schneiderlehre?

Michael Sellinger

Na ja, in der Schneiderlehre da nähe ich, und da arbeite ich praktisch jeden Tag. Und das ist natürlich… Wir haben 14 praktische Stunden in der Woche. Das ist natürlich wesentlich weniger, als wenn ich 40 Stunden in der Woche praktisch arbeite. Aber man kann mit einem Jahr Praxis dann auch die Meisterprüfung ablegen. Da sind wir nicht so weit weg. Aber mein anderer Vergleichswert ist natürlich immer ein Modedesign-Studium an einer Uni zum Beispiel. Und da sind wir wieder in einem Bereich, wo wir viel mehr praktischen Unterricht haben, wirklich mit einer Lehrperson. Also da ist es sonst oft so: Man hat so ein Studium, da kann ich hingehen und arbeiten, aber ich habe jetzt nicht die ganze Zeit eine Lehrperson, die mir wirklich zeigt: Wie geht das? Also bei solchen Ausbildungen, da heben wir uns schon ab, dass wir mehr praktisch arbeiten, mehr Handwerk drin haben. Aber jetzt im Vergleich zu einer Lehre natürlich, da können wir nicht ganz mitkommen, mit diesen Stunden, die man da im praktischen Arbeiten hat.

Gabriele Brandhuber

Ja, und dann halt Berufsschule dazu hat. Das heißt, wenn ich mich jetzt interessieren würde, hier dieses Kolleg zu absolvieren, dann schaue ich am besten auf die Webseite. Schaue mal, was die Voraussetzungen sind? Wann die Anmeldefrist ist?

Michael Sellinger

Genau. Also man könnte sich noch anmelden. Es läuft mit dem regulären Schuljahr, startet immer im September. Und es gibt abgesehen von der Matura eigentlich keine formellen Aufnahmekriterien.

Gabriele Brandhuber

Und wie ist der Andrang? Ist es leicht reinzukommen, oder gibt es eine Warteliste, oder zu viele, die sich bewerben?

Michael Sellinger

Das variiert von Jahr zu Jahr. Ich glaube, jetzt gäbe es noch ein paar Plätze für September. Aber es gibt immer eine Kapazitätsgrenze durch die Räume, also durch die Werkstätten an sich. Es können maximal zwölf in einer Werkstätte arbeiten. Das hängt von den Nähmaschinen ab und den Arbeitsplätzen. Und natürlich ist da schon ein Limit, aber im Moment gäbe es noch ein paar Plätze für den Herbst.

Gabriele Brandhuber

Sehr schön. Dann herzlichen Dank.

Michael Sellinger

Gerne.

+++

Wenn du dich für dieses Kolleg Modedesign interessierst, findest du alle Information auf der Webseite https://www.modeschule-hallein.at/

Astrid Lamprechter, GWS und „Lieber Wieder“

Im Zuge der Konsumdialoge hat auch die Verleihung des Vivienne Preises stattgefunden, das ist der erste österreichischen Preis für ökologische Textilien, der von der gemeinnützigen Bundesstiftung Común in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Klimaschutz ins Leben gerufen wurde. https://viviennepreis.at/vivienne-2023

Dutzende Unternehmen haben ihre nachhaltigen Ideen und Produkte eingereicht, tausende Menschen haben sich am Voting beteiligt, und 6 Projekte wurden schlussendlich bei der Preisverleihung prämiert.

Pressemeldung zur Preisverleihung: https://www.oekoreich.com/medium/vivienne-6-label-mit-oesterreichischem-preis-fuer-oekologische-textilien-ausgezeichnet

Eines davon ist das Label „Lieber Wieder“ der GWS, das ist die Abkürzung für Geschützte Werkstätten – Integrative Betriebe Salzburg GmbH. Die GWS ist Österreichs größter integrativer Betrieb. Sie bietet 480 Menschen mit und ohne Behinderungen einen Arbeitsplatz im Bundesland Salzburg. Eines der Produkte von „Lieber Wieder“ ist ein Shirt, das mit minimalen Wegen hergestellt wird. Die Geschäftsführerin der GWS, Frau Astrid Lamprechter, hat sich zu einem Gespräch mit mir getroffen.

Gabriele Brandhuber

Ich habe jetzt bei mir die Frau Astrid Lamprechter von „Lieber Wieder“. Das ist ein Label, das in Österreich T-Shirts und andere Kleidungsstücke herstellt. Ich habe das ganz super gefunden. Sie waren gestern in der Podiumsdiskussion und da haben Sie gesagt: „Fast Fashion ist die Verwirrung von viel und gut.“ Das habe ich toll gefunden. Wollen Sie dazu ein bisschen mehr erzählen?

Astrid Lamprechter

Also ich denke, man muss es immer runterbrechen auf verständliche Zusammenhänge. Und ich habe tatsächlich den Eindruck, dass wir gelernt haben, in dem Wirtschaftssystem, in dem wir leben, dass viel gleichbedeutend mit gut ist. Also wenn wir zum Beispiel so Erfolgsstorys hören von Menschen, dann hören wir: „Wir haben irgendwo in einer Garage begonnen, und plötzlich werden es dann Millionen und Milliarden an Computern, die verkauft werden. Oder große Softwareunternehmen. Und das ist für uns Erfolg. Und das ist für uns gut. Das haben wir gelernt und das lernen wir auch unseren Kindern. Und in der Fashion tun wir das auch. Wenn wir mit vielen, vielen Plastiktüten rausgehen, wo viel drinnen ist: Dann ist es gut. Also wir sehen ständig Bilder von erfolgreichen Menschen, oder in Filmen: Was ist super, wenn wer shoppen geht? Wenn da möglichst ein Chauffeur zehn Plastiksackerl mit sozusagen „Beute“ rausträgt. Und ich glaube, das ist ein Lernmuster, das sich in uns verfestigt hat. Und in der Mode rächt es sich natürlich schrecklich. Und das, was sozusagen „gelungen“ ist, unter Anführungszeichen, ist, dass wir das auch gesellschaftlichen Schichten ermöglicht haben, die eigentlich nicht Zugang zu viel hätten, nämlich über niedrige Preise. Und über billige Fashion. Also wir ermöglichen mit bestimmten Marken – ob das Primark ist, oder H&M -, dass alle Menschen viel kaufen können. Wir verkaufen das ein bisschen als Demokratisierung. Aber in Wirklichkeit kaufen wir uns dieses „Viel“ über die Auslagerung von Verschmutzung und Ausbeutung und Leid und Schmerz in andere Weltregionen.

Gabriele Brandhuber

Das sind diese großen Firmen und Konzerne, die einfach sehr, sehr viel produzieren, auch Überproduktion haben. Vieles wird einfach weggeworfen. Sie machen das ja jetzt anders. Wie machen Sie das anders und warum?

Astrid Lamprechter

Wir machen es anders. Das ist ein Unternehmen, die GWS gibt es seit 45 Jahren. Und als so um die 2000er, das mit Nachhaltigkeit auch im Mainstream in der Wirtschaft begonnen hat, war für uns auch klar: Wir machen das sowieso. Also wir sind ein gemeinnütziges Unternehmen. Ich finde die Gemeinnützigkeit ein fantastisches Konzept für Unternehmen, um aus diesem Kreislauf „mehr, und Gewinne, und Gewinnmaximierung, und mehr“ auszusteigen. Ich möchte dafür auch Werbung machen. Und wir haben dann 2020 „Lieber Wieder“ als Label auf den Markt gebracht, weil wir wollen immer versuchen, ein Angebot zu machen. Also wir wollen den Konsumenten nicht moralisieren und belehren. Wir wollen ein Angebot machen, und sagen: Du kannst auch was anderes kaufen. Das Lieber Wieder T-Shirt ist ein T-Shirt, das aus Holzfaser entsteht. Und zwar aus Buchenholz. Das ist beim Thema „Holz und Textil“ auch immer wichtig. Vieles ist aus Eukalyptus. Und wir haben mit der Lenzing AG sehr akribisch daran gearbeitet, eben heimische Hölzer für diese Faser zu verwenden. Wir haben keine Spinnerei in Österreich gefunden tatsächlich.

Gabriele Brandhuber

Keine Spinnerei, die jetzt Holzfaser verarbeitet.

Astrid Lamprechter

Nein, die überhaupt Faser spinnt, damit sie dann gestrickt oder gewebt werden kann.

Gabriele Brandhuber

Ja, es gibt Wollspinnereien, aber das ist ein anderes Thema. Wir brauchen eine Baumwollspinnerei oder eine Leinenspinnerei, sowas.

Astrid Lamprechter

Aber wir stricken und färben dann wieder in Österreich. Und worauf wir sehr stolz sind: Wir nähen aus diesem Stoff dann in Salzburg, mit Menschen mit und ohne Behinderung – das ist unsere Hauptaufgabe als integrativer Betrieb – nähen wir diese Textilien in Salzburg. Unsere Näherinnen kommen heute auch zur Preisverleihung, weil wir nominiert sind. Und was wir auch immer gerne machen, ist, wir laden Menschen ein und sagen: Ihr könnt uns besuchen. Also wir erzählen keine Storys, wir haben keine Marketinggeschichten. Uns kann man besuchen, man kann die Näherei besuchen, man kann die Menschen wirklich kennenlernen. Und wir versuchen das Echte da auch zu transportieren. Und was uns wichtig ist, weil es heute auch um Müll natürlich, und Abfall geht: Das Lieber Wieder T-Shirt ist gesamthaft so konzipiert, dass man es kompostieren kann. Die Nähseide, die Labels, die eingenäht sind, die Farbe, die verwendet wird, kann ich es am Ende seiner Bestimmung verwenden? Kann ich es tatsächlich, muss ich nicht wegwerfen, sondern kann ich es kompostieren?

Gabriele Brandhuber

Sie haben gestern auch gesagt: „Lohn statt Taschengeld“, das habe ich einfach schön gefunden. Dass eben die Menschen, die bei ihnen arbeiten, nicht nur ein Taschengeld kriegen, weil es halt, sondern dass es tatsächlich ein Lohn ist für wertvolle Arbeit, die die Leute leisten.

Astrid Lamprechter

Ja, wir entlohnen nach Metall-Kollektivvertrag. Das ist ein guter Kollektivvertrag. Alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, 530 an der Zahl. Und ob jemand eine Beeinträchtigung hat oder nicht, spielt arbeitsrechtlich keine Rolle.

Gabriele Brandhuber

Sehr schön. Was ich auch gut gefunden haben: Sie haben gesagt, sie bleiben in der Region, sie wollen eben nicht zu viel wachsen. Sie machen so viel, wie hier Nachfrage ist und es muss nicht immer riesengroß werden.

Astrid Lamprechter

Das ist ja das Problem nachhaltiger Labels, finde ich. Also auch wenn man in den Lebensmittelbereich schaut. Wenn es gewisse Dimensionen erreicht, dann kann man seinen Prinzipien nicht mehr treu bleiben. Und in unserem Fall heißt es: Ich habe 20 Näherinnen. Da kann ich ein bestimmtes Volumen an Textilien, jetzt Lieber Wieder nähen. Und dann nicht mehr. Und wenn ich es nicht mehr nähen kann, dann verlasse ich sozusagen die Kriterien von Lieber Wieder und dann muss ich es lassen. Oder: Wie viel Buche wird geliefert im Jahr, in die Lenzing AG, um die Faser zu machen? Und mehr ist es einfach nicht. Und wenn ich dann sage: Mehr! Mehr! Mehr! Dann wird es anderes Holz, Holz von weit weg. Und dann verlasse ich einfach auch wieder diese Grundprinzipien. Und ich denke, wenn man diesen eigentlich althergebrachten natürlichen Grenzen des Wachstums und einer gewissen Qualität folgt, dann erledigt sich das Problem eigentlich von selber.

Gabriele Brandhuber

Und wenn man eher in der Region bleibt bzw. lokal, und dann eben nicht in andere Länder oder auf andere Kontinente exportieren muss.

Astrid Lamprechter

Aber die sollen dort selber ihre regionalen Labels machen!

Gabriele Brandhuber

Richtig! Die sollen dort selber ihre Labels machen.

Astrid Lamprechter

Also Lieber Wieder, oder die GWS als Ganzes, hat ein Commitment zum deutschsprachigen Raum. Und in dem Moment, wo ich das Lieber Wieder T-Shirt sagen wir nach USA verkaufe, verliert es seinen Lieber Wieder Charakter. Dahinter stehen ja auch 15 Qualitätskriterien, die wir uns selber geben. Wir haben keine Gütesiegel, die wir anwenden. Und da gehört Entfernung auch dazu. Und wenn ich es dann aber wohin verkaufe, wo die Entfernung nicht mehr stimmt, verliert es eigentlich seinen Anspruch, was es sein möchte. Und insofern verkaufen wir es dann … Also wir bieten es im Webshop an, aber wir verkaufen es nicht nach USA. Oder egal wohin. Sondern die sollen dort ihre regionalen Labels machen und ihre regionalen Stoffe verwenden. Und die können Baumwolle anbauen, wir nicht. Und wir versuchen bei Lieber Wieder jetzt auch ein Textil aus Hanf. Also mit Hanf und Flachs und Leinen zu arbeiten, weil es österreichische Materialien sind, die es auch wert sind, genauer hinzuschauen.

Gabriele Brandhuber

Sehr cool! Dann wünsche ich Ihnen viel Glück, oder viel Erfolg für die Preisverleihung. Und freue mich, dass ich sie gefunden habe.

+++

Bei der Preisverleihung, die nach unserem Gespräch stattgefunden hat, haben wir dann festgestellt, dass „Lieber Wieder“ sogar tatsächlich den ersten Platz des neu gegründeten Vivienne Preises gewonnen hat! Noch einmal ganz herzliche Gratulation und Danke für die langjährige Arbeit, die Sie schon gemacht haben, als der Begriff „Nachhaltigkeit“ noch nicht in aller Munde war.

Roland Taferner, österreichischen Bundesverband für Schafe und Ziegen

Zuguterletzt habe ich mich mit Roland Taferner unterhalten, dem Geschäftsführer des österreichischen Bundesverbandes für Schafe und Ziegen. Ihm geht es darum, die österreichische Schaf- und Ziegenwolle wieder aufzuwerten und mehr Möglichkeiten zu schaffen, dass diese Rohstoffe wieder in der Region verarbeitet werden können.

Gabriele Brandhuber

Ich habe jetzt da den Roland Taferner, der ist Geschäftsführer vom österreichischen Bundesverband für Schafe und Ziegen. Lieber Roland, in Österreich gibt es rund 400.000 Schafe, hast du gestern gesagt, und von denen werden rund 800 Tonnen Wolle im Jahr abgeschoren. Jetzt, wenn ich auf die Website schau, vom Bundeszuchtverband, da geht es ja hauptsächlich um Milch und um Fleisch, und auch um Landschaftsschutz, wenn man von Ziegen und Schafen spricht. Aber es geht relativ wenig um die Wolle, zumindest wenn man auf die Website schaut. Wie schaut das aus bei euch als Züchter? Inwiefern legt ihr Wert auf die Wollqualität?

Roland Taferner

Für mich ist immer die Definition eines Schafbauern oder Schafbäuerin, immer die vier Standbeine, was man hat, wenn man ein Schaf haltet. Entweder ist es Fleisch, die Milch, die Landschaftspflege und auch die Wolle. Ich nenne es immer „Nebenprodukt“, das Wort Abfallprodukt will ich gar nicht in den Mund nehmen, weil das ist ein Nebenprodukt. Aber ein wirklich wertvolles Produkt, auf das man einfach wieder mehr Augenmerk legen sollte und muss. Und auf deine Frage zurückzukommen, was machen wir in der Zucht? Grundsätzlich, wenn man jetzt von Züchten spricht, gibt es ja auch Kriterien, die einzuhalten sind. Da sind ja die Betriebe beim Zuchtverband dabei und arbeiten zum Beispiel unter einem Zuchtprogramm, in einer jeweiligen Rasse, und versuchen diese Rasse in ihren positiven Eigenschaften weiterzuentwickeln. Nennen wir es jetzt einmal so. Und Wolle ist eigentlich bei allen Schafen ein Zuchtkriterium, also ist ein Merkmal. Und da wird extrem auch auf die Qualität der Wolle geschaut.

Gabriele Brandhuber

Die Wollqualität wird ja mit Mikron gemessen, im Endeffekt. Das ist die Stärke von einer von einer Wollfaser. Die geht ja von ganz, ganz unglaublich fein, wie es bei diesen australischen oder neuseeländischen Merinoschafen ist, und dann bis hin zu eher grob, oder fast stichelig, wie es beim Zackelschaf ist. Wie formuliere ich das jetzt am besten? Es gibt ja einen ganzen Haufen verschiedene Schafrassen. Und das ist ja auch ein unglaublicher genetischer Schatz eigentlich, den ihr als Züchter ja auch erhaltet. Das heißt, geht es dann bei der Zucht darum, die rassentypischen Eigenschaften zu erhalten? Verstehe ich das richtig?

Roland Taferner

Genau richtig formuliert. In der Zucht geht es wirklich um die rassentypischen Eigenschaften. Der erste Satz in dem Zuchtprogramm ist immer: „Erhaltung der rassentypischen Eigenschaften“. Also der steht da immer drinnen. Und in unserem Fall, wir betreuen in Österreich 23 verschiedene Schafrassen. Also die werden wirklich züchterisch betreut, über ganz Österreich, über verschiedene Verbände. Und genau da ist es eben drinnen. Und wie du schon gesagt hast, es wird immer gemessen mit den Mikrometern, der Haardicke oder Wolldicke. Da tun wir uns natürlich schwer, wenn wir auf die Betriebe hinfahren und die Tiere anschauen, dass wir uns jetzt die Mü -Stärke anschauen, vom Wollhaar. Wir haben drei Kriterien, die angeschaut werden in der Zucht und in der Beurteilung von den Schafen. Und wir versuchen da, die drei Kriterien mit einfließen zu lassen. Das Erste ist die Ausgeglichenheit. Das heißt, der Bewerter oder die Bewerterin, wenn sie zum Betrieb hinkommen, schauen sich die Schafe an und schauen sich die Ausgeglichenheit an. Das heißt: Wie ausgeglichen ist die Wolle über das ganze Schaf? Also ich schaue mir das an, von vorne bis hinten: ist es schön ausgeglichen? Ist es durchgehend ein Ein-Woll-Vlies, wenn man es so hernimmt. Und der zweite Punkt ist der Stapel, der Stapel der Wolle. Das ist so ein Wort, das habe ich auch erst lernen müssen.

Gabriele Brandhuber

Stapellänge?

Roland Taferner

Stapellänge, genau. Man kann sich vorstellen, man nimmt die zwei Handflächen her und teilt die Wolle in zwei so Hälften. Und dann schaut man sich das an, ob diese Stapel aneinander schön einzeln dastehen und schön kompakt sind. Das heißt, dass sie nicht auseinanderfallen, also das ist der Stapel. Und dann noch das Vlies. Das schaut man sich auch noch an. Das heißt, das ist das Unterhaar, ganz unten an der Haut, ob das ganz fein ist und auch gut ausgeprägt ist. Also das sind die drei Kriterien, die wir uns auch anschauen, von den verschiedenen Rassen. Ausgeglichenheit, Stapel und das Vlies.

Gabriele Brandhuber

Wie ist denn das Bewusstsein der Bauern für die Wollqualität? Gibt’s das? Ist da ein Bewusstsein da, bei Bauern, für die Wollqualität? Oder ist eben Wolle nur so, wie du sagst, ein Nebenprodukt?

Roland Taferner

Also im züchterischen Sinn bestimmt. Bei den Züchterinnen von Schafen ist es [ein Bewusstsein da], weil die Wolle einfach einfließt im züchterischen Geschehen. Und wenn dann ein Bewerter oder Bewerterin im Betrieb hinkommt und bei der Wolle dann einen Abzug macht, weil das Merkmal nicht so gut abschneidet, dann ist das Tier im Gesamten „schlechter“ und nicht so gut geeignet für die weitere Zucht. Als Muttertier oder als Vatertier. Also im züchterischen Bereich hat es sehr, sehr große Rolle. Natürlich immer auch rassenabhängig. Also in einer Fleischrasse, wo die Fleischproduktion dominierender ist, hat es einen untergeordneten Stellenwert. Aber in einer anderen Rasse wie Jura, da ist die Wolle auch ganz wichtig. Vom Juraschaf genau. Aber natürlich auch vom Merino-Landschaft, das wir genauso haben in Österreich. Vielleicht in einer anderen Qualität und Ausprägung als in Übersee. Aber wir haben trotzdem von-bis Wollen. Also von wirklich sehr, sehr feinen Wollen und sehr hochwertigen, qualitativen Wollen, wo man jegliche Produkte herstellen kann. Bis hin auch zu etwas gröberen Wollen. Aber „gröber“ heißt ja nicht immer gleich „schlecht“, sondern auch strapazierfähiger.

Gabriele Brandhuber

Genau, strapazierfähiger und für andere Anwendungen als zum Beispiel irgendwelche weichste, flauschige Schals oder so. Weil man kann ja auch Überkleidung machen, oder Loden produzieren, oder eben eine sehr robuste Wolle auch für Socken, die halt dann nicht durchwetzen zum Beispiel. Diese 800 Tonnen Wolle im Jahr. Was passiert mit dieser Wolle?

Roland Taferner

Die wird gesammelt. Also wir versuchen über ganz Österreich Sammelstellen zu machen, wo die Betriebe dann hinkommen können und können ihre Wolle abgeben. Da wird sie gepresst, gewogen und dann kriegt der Bauer oder die Bäuerin eine Gutschrift dafür. Und zum Teil werden sie in kleinen Direktvermarktern bzw. in kleinen Woll-Waschanlagen in Österreich aufbereitet und gewaschen. Also wirklich nur ein kleiner Teil. Und der Großteil wird meist in Belgien gewaschen. Da ist eine große Woll-Waschanlage, wo sie dann aufbereitet wird. Und im besten Fall kommt diese Wolle natürlich wieder zurück nach Österreich und wird weiterverarbeitet. Aber es wird auch ein Großteil auf dem Weltmarkt dann verkauft. Und leider wird natürlich auch in Österreich viel Wolle importiert, wo man dann auch nicht weiß: Ist sie aus Österreich oder nicht.

Gabriele Brandhuber

Ich habe in den letzten Tagen den Eindruck bekommen, dass ihr durchaus Interesse daran habt, dass die österreichische Wolle wieder mehr in Österreich verarbeitet wird, veredelt wird, oder zu Produkten weiterverarbeitet wird und auch wirklich in Österreich bleibt. Was braucht es dazu, dass ihr das vorantreiben könnt, dieses Projekt?

Roland Taferner

Definitiv. Das kann ich nur unterstreichen, weil desto mehr Wertschöpfung und Wertschätzung aus dem Produkt dann rauskommt, das landet auch wieder beim Bauern und bei der Bäuerin draußen. Dass die auch wieder motiviert sind weiterzumachen und die Betriebe weiterzuführen. Was braucht es dafür? Erstens braucht es wirklich die Rahmenbedingungen. Okay, vielleicht muss man da europäisch denken und nicht nur österreichisch, dass man sagt: Ok, ein Teil davon wird vielleicht in Europa aufbereitet, aber man muss auch schauen, dass diese Wolle wieder zurückkommt und vielleicht bei uns dann weiterverarbeitet werden könnte. Oder kann, und sollte. Sei es jetzt Spinnereien, Aufbereitung, dass man das Produkt des Wollknäuels oder den Wollfaden dann in Österreich zumindest hat, und dann das weiterverarbeitet. Und dann aber das Bewusstsein vor allem bei Konsumenten und bei der Konsumentin schafft, dass man sagt: Schauen wir, dass wir Wollprodukte zu Hause im Kleiderschrank haben. Und ein Ziel wäre natürlich, wenn jeder Österreicher und jede Österreicherin einen Wollpulli daheim im Schrank hätte, der aus Österreich ist und von einer österreichischen Schafwolle stammt. Wäre das so ein richtig großes Ziel für die nächsten Monate und Jahre.

Gabriele Brandhuber

Das finde ich eine sehr schöne Vision. Danke für das Gespräch. Ich wünsche alles Gute für die weiteren Projekte.

Roland Taferner

Danke. Ebenso.

+++

Wenn du mehr über die in Österreich gezüchteten Ziegen- und Schafrassen erfahren willst, wirst auf der Webseite des österr. Bundesverbandes für Schafen und Ziegen fündig unter https://www.oebsz.at/rassen Den Link gebe ich natürlich in die Shownotes.

Soweit ein paar Einblicke in die Themen der Konsumdialoge 2023 zum Thema Textilien. Auf der Webseite der Konsumdialoge gibt es bereits eine Dokumentation vom letzten Jahr, wo es um das Thema „Lebensmittel“ ging, mit fünf ausführlichen, sehr hörenswerten Podcastfolgen. https://konsumdialoge.at/textilien/

Auch die diesjährige Veranstaltung soll mit Podcastfolgen dokumentiert werden. Es lohnt sich also, von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Webseite der Konsumdialoge zu werfen.

Veranstaltungshinweis: Zukunftsworkhop „Regionale Textilproduktion“

Zum Abschluss dieser Folge habe ich noch einen Veranstaltungshinweis für dich, der mir sehr am Herzen liegt. Und zwar organisiere ich einen Zukunftsworkshop regionale Textilproduktion, der wird stattfinden am Freitag, den 24. November 2023 im Stift St. Lambrecht in der Obersteiermark. An dem fraglichen Wochenende veranstaltet nämlich meine liebe Freundin Sabine Kainz von der „Schule des Alten Handwerks“ einen Kongress mit Handarbeitskursen und Vorträgen. In diesem Rahmen organisiere ich den Zukunftsworkshop und eine Podiumsdiskussion.

Die Teilnehmer:innen des „Zukunftsworkshops Lokale Textilproduktion“ werden sich einen Tag lang intensiv und ganz konkret über die vorhandenen und fehlende Ressourcen entlang der textilen Produktionskette in Österreich austauschen und Zukunftsvisionen spinnen. Dazu werden wir in zwei Arbeitsgruppen parallel arbeiten, eine zu Schafwolle, und eine zu Leinen und Hanf. Am Ende des Tages werden wir die Ergebnisse der Arbeitsgruppen in einer Podiumsdiskussion präsentieren und besprechen.

Wer kann an dem Zukunftsworkshop teilnehmen?

Ich möchte Leute zusammenbringen, die in der österreichischen Textilproduktion arbeiten. Das heißt, die Veranstaltung richtet sich an Landwirt:innen genauso wie an textile Dienstleister:innen entlang der Produktionskette: Woll-Wäschereien und Aufbereiter von Hanf- sowie Leinenfasern, Spinnereien, Webereien, Strickereien, Druckereien und Ausrüster, Nähereien und nachhaltige Modelabels. Die Veranstaltung richtet sich an Menschen, die Einblicke in die Erfahrungen und Herausforderungen aller anderen Beteiligten bekommen möchten, und die gemeinsam an einer Zukunftsvision, sowie an möglichen Wegen in diese Zukunft arbeiten wollen.

Die Anmeldung zu den beiden Arbeitsgruppen des Zukunftsworkshops ist ab sofort möglich. Alle Informationen hierzu findest du auf meiner Webseite https://textilportal.net/zukunftsworkshop2023/

Informationen zur Anreise und Unterkünften findest du auf der Webseite http://schule-des-handwerks.at/ , wo du auch das umfassende Kurs- und Vortragsprogramm vom Kongress des alten Handwerks findest, der Ende November von Freitag bis Sonntag geht. Einige Handarbeitskurse sind bereits ausgebucht.

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