Sabine und die steirische Wolle

Aktualisiert am 1. April 2022.

In Hart bei Graz verarbeitet Sabine Kainz Wolle von steirischen Schafen. Ihre Anliegen: Die Vielfalt regionaler Wolle zu würdigen, einheimische Wolle wieder „tragbar“ zu machen, und irgendwann eine eigene Spinnerei zu betreiben. Ein Portrait.

Ein großer Haufen Rohwolle

Wir treffen uns in Sabines Werkstatt, im Erdgeschoß ihres Einfamilienhauses in Hart bei Graz. Der Raum ist mit gemütlichen Sesseln, Teppichen und Wandteppichen eingerichtet. Ein modernes Handspinnrad steht bereit. In Regalen an der Wand befinden sich die fertigen Woll-Stränge und -Knäuel.

Regale mit regional produzierten Wollknäueln in Sabines „die_handwerkstätte“

Sabine erzählt, dass sie schon als Kind gerne gehandarbeitet hat. Später, während ihres Studiums, hat sie ein gebrauchtes Spinnrad gekauft, um der kopflastigen Arbeit „etwas für die Seele“ entgegenzusetzen. Aber erst als ein Bekannter, der Schafe hatte, sie fragte: „Magst du nicht die Wolle haben?“ begann die Geschichte von „die_handwerkstätte“.

Zunächst wusste sie gar nicht, was sie mit dem Haufen Rohwolle anfangen sollte. Also hat sie im Internet recherchiert, sich alte Bücher (von ca. 1870-1930) besorgt, sich über die alten Produktionsschritte von der Rohwolle zum fertigen Garn informiert. Bei ihrer Recherche ist sie auch auf einige Fehlwege bei der Wollverarbeitung gestoßen, zum Beispiel den Irrglauben, man müsse die Rohwolle vor der Weiterverarbeitung fermentieren wie Sauerkraut. Eine Verarbeitung, die unheimlich stinkt!

Vor dem Waschen sortiert Sabine die Rohwolle.

Als Studentin der Molekularbiologie hat sie sich dem Thema Wollverarbeitung dann wissenschaftlich genähert und sich eingehend mit Faserkunde beschäftigt: Wie sind eigentlich Wollfasern aufgebaut, und welche Eigenschaften ergeben sich aus diesem Aufbau?

Die besondere Struktur von Wolle: Superwash vs. Naturfaser

Wollfasern haben eine äußere Schuppenstruktur und einen inneren Aufbau aus Matrix, Membrankomplexen und Keratinstrukturen, wobei jedes dieser Elemente eine Aufgabe hat: Wasser abweisen, Farbe aufnehmen, Wärme abgeben, Wasserdampf speichern,…. Das kurze Video Discovering Wool von „The Woolmark Company“ zeigt sehr anschaulich die komplexe chemische Struktur einer Wollfaser.

Die Wollindustrie hat sich darauf spezialisiert, dass man Wolle in der Waschmaschine waschen können soll. Dazu wird die äußere Schuppenschicht der Wollfaser enzymatisch bzw. chemisch entfernt, und die Faser wird mit einem Polyamid-Epichlorhydrinharz überzogen: So entsteht „Superwash“ Wolle. Man verhindert das Verfilzen in der Waschmaschine bei starker mechanischer Beanspruchung, sowie das leichte Kratzen auf der Haut, das frische Wolle verursacht. Dann kann man die Socken zwar bei 60 Grad waschen, trägt aber im Endeffekt Plastik auf der Haut.

Wir Konsument:innen bekommen von diesem Plastik-Anteil der „Superwash“ Wolle nichts mit: Am Etikett muss es nur angegeben werden, wenn die Kunstfaser direkt im Faden mitversponnen wird. Nicht aber, wenn ein Kunststoffanteil erst bei der sogenannten „Ausrüstung“ der Wolle dazukommt, also beim Überziehen der Wolle mit verschiedenen chemischen Substanzen gegen Ende der Produktion.

Kurzer Einwurf: Mir (Gabi) war das in dieser Klarheit nicht bewusst. Und als ich das jetzt erfahren habe, war ich ein bisschen enttäuscht und fühlte mich als Konsumentin, die grundsätzlich schon genau darauf schaut, was sie kauft, etwas hintergangen. Kann/darf/soll ich jetzt nie wieder industriell produzierte Wolle im Laden meines Vertrauens kaufen? Nein, so weit würde ich nicht gehen. Aber ich werde in Zukunft noch genauer hinschauen, damit ich eine wirklich informierte Entscheidung darüber treffen kann, welche Qualitäten ich wirklich kaufen möchte.

Nach dem Sortieren wird die Wolle schonend gewaschen. © Sabine Kainz

Die Schuppenschicht ist aber wichtig für die Haltbarkeit der Wolle: Sie ist eine Wasser-Barriere, die die wasserliebende Matrix der Faser schützt. Löcher in gestrickten Kleidungsstücken kommen häufig gar nicht von Motten, sondern werden durch die fehlende Schutzschicht verursacht: Wenn die ungeschützte Matrix mit Wasser in Berührung kommt, bricht die Struktur, und wir haben ein Loch. Naturwolle hingegen hält ewig.

(Für die Woll-Industrie ist es durchaus wünschenswert, dass die behandelte Faser schneller kaputt geht, denn es müssen ja jedes Jahr neue Produkte, neue Kollektionen auf den Markt gebracht und auch verkauft werden…)

Aber auch die Pflege und Entsorgung solcher mit Plastik angereicherter Fasern ist problematisch, denn beim Waschen gibt Superwash-Wolle Mikroplastik ins Wasser ab, wenn sich die Acrylschicht nach und nach löst. Und am Ende seiner Lebensdauer kannst du so ein Kleidungsstück nicht einfach im Garten vergraben oder kompostieren, wie du es mit Naturwolle bedenkenlos tun kannst, vor allem wenn sie mit Naturfaben gefärbt und mit bio-abbaubaren Produkten gewaschen wurde.

Naturwolle ist eigentlich ein Paradebeispiel für einen Cradle to Cradle Kreislauf.

Pflanzenfärbung © Sabine Kainz

Erkenntnisse aus unserem Gespräch

Jede Wolle hat ihre Aufgabe

Die meisten wissen nicht, dass die Haare verschiedener Schafrassen unterschiedliche Eigenschaften haben. Wolle ist nicht gleich Wolle: Aus der Wolle des Zacklschafes solltest du keinen Schal stricken, weil sie zu fest und robust ist. Hingegen solltest du aus Merino eigentlich keine Socken oder Schuhe machen denn die Faser ist viel zu weich, zu wenig widerstandsfähig, und wird bald durchgerieben sein.

Sabine gibt mir ein paar Fühlproben: Alpaka, Zacklschaf, Kärnter Brillenschaf. Die eine ist fluffig, leicht, weich. Die andere härter, rauher, robuster. „Jede Wolle ist für etwas geeignet, keine ist schlechter oder besser. Du musst nur wissen, wofür du sie verwendest.“

Juraschafe in der Steiermark © Sabine Kainz

Naturwolle wird oft falsch getragen

Schafwolle sollte nicht auf der nackten Haut getragen werden: Am besten zieht man etwas aus Baumwolle oder Leinen darunter an, damit einerseits die eigene Haut vor dem Kratzen geschützt wird, und andererseits Schweiß und Bakterien von unserer Haut nicht in die Wolle dringen.

Außerdem wird die Wollfaser auch weicher, wenn man sie auf eine „Betriebstemperatur“ (eigentlich auf „Schafstemperatur“) bringt: Dann ist nämlich die Matrix in der Wollfaser nicht mehr fest, sondern wird flüssig. Wie Schuhe aus echtem Leder muss man auch ein Kleidungsstück aus Wolle „eingehen“. Mit der Zeit wetzen sich die rauhen Kanten der Schuppen auf der Oberfläche etwas ab, und die Wolle wird immer weicher.

Im Grunde ist es auch eine Einstellungssache, ob man sich auf das Thema einlässt, ob man die Vorteile regionaler Wollsorten erkennt und für sich nutzt, oder ob man sie von vornherein ablehnt, weil sie rauher ist als Merinowolle aus Australien. Was uns gleich zur nächsten Erkenntnis führt.

Was in unserem Klima wächst, ist angepasst an unser Klima

Es ist eigentlich ganz logisch: Wolle ist ein Naturprodukt. Wenn die Umgebung der Schafe warm ist, wird auch ihre Wolle weich und leicht sein, weil sonst den Schafen selbst viel zu warm wäre. Wenn die Umgebung der Schafe kalt ist, wird auch die Wolle robuster und wärmender sein.

Sabine ist der Meinung: Wenn wir uns mehr mit unserer heimischen Wolle einkleiden würden, könnten wir im Winter auf mit Polyester gefütterte Funktionskleidung verzichten und müssten trotzdem nicht frieren. Denn die Produkte, die hier bei uns wachsen, sind ideal geeignet für unser Klima.

Insofern sind wir wieder bei dem Punkt: Es geht nicht darum, dass wir GAR keine andere Wolle als die heimische mehr verwenden sollen. Sondern es geht darum, sich gut zu überlegen, für welchen Zweck man das jeweilige Kleidungsstück einsetzen möchte. Und dann wählt man eine zum Projekt passende Wolle.

Regionale steirische Wollknäuel in Sabines Regal

Nicht fanatisch sein, sondern Aufklärung leisten

Sabine möchte die Vielfältigkeit der Wolle wieder stärker ins Bewusstsein rücken, damit man sich auch bewusster für diese oder jene Faser entscheiden kann. Die Fasern bieten unendliche Möglichkeiten. Man muss nur wissen, welche Faser für was gut ist: Welche Anforderungen muss die Wolle aushalten? Wie soll sie sich anfühlen? Und welche Faser wähle ich dann.

Das kann auch manchmal eine Merino oder eine Alpaka von weit weg sein. Aber mit Maß und Ziel, und bewusst gewählt.

„Du musst ein bisschen mehr denken und hast ein bisschen mehr Aufwand. Aber du hast auch mehr Freude, wenn du genau weißt, woher die Wolle stammt, auf welcher Weide das Schaf gestanden hat.“

Gewachsen, versponnen, verarbeitet, verkauft in der Steiermark

Sabine hat einen sehr klaren und starken Steiermarkbezug im ganzen Herstellungsprozess, vom Kauf der Rohwolle bis zum Verkauf ihrer fertigen Produkte. Die steirischen Schafbauern, von denen sie ihre Wolle bezieht, sind oft junge, engagierte Bio-Bauern: Sie halten die Schafe mehr zur Landschaftspflege als für die Milch, sie schlachten selten.

Der Unterschied zu riesigen Betrieben in Australien, Neuseeland oder Südamerika, von wo der Großteil der konventionell hergestellten Wolle kommt, könnte größer nicht sein:

Dort riesige Farmen mit Tausenden Schafen, die im Namen der Effizienz durch Mulesing und beim Scheren gequält werden. Hier kleine Familienbetriebe mit 10-15 Schafen (die größte Herde in der Umgebung zählt 120 Tiere), die sorgsam behandelt werden.

Schafe in der Steiermark © Sabine Kainz

Dort tausende Kilometer, die die konventionelle Wolle zurücklegt, bis sie in Europa ist: Die Faser in Australien gewachsen, in Shanghai gewaschen und versponnen, in Indien gefärbt, in Europa verkauft. Auch „heimische“ Wollmarken verarbeiten häufig Rohfasern, die sie am Großmarkt z.B. in Hamburg gekauft haben.

Bei uns werfen die Bauern die Rohwolle oft weg, weil sie keiner haben will, oder verwenden sie als Dünger für den Kartoffelacker. Mit viel Glück wird Schafwolle vielleicht noch als Dämmstoff im Hausbau eingesetzt. Daher erzählt Sabine, wie glücklich viele Bauern sind, wenn sie überhaupt Geld für ihre Rohwolle bekommen.

Sabine darf die Wolle nur waschen und färben, weil sich ihre derzeitige Produktionsstätte in einem Wohngebiet befindet. (Übers Waschen der Wolle hat Sabine eine spannende Podcastfolge veröffentlicht, in der sie ihre Irrwege und den jetzigen Prozess genauer erklärt.) Aber sie plant, über kurz oder lang eine eigene Spinnerei zu eröffnen. Zum Färben verwendet sie am liebsten Pflanzen aus dem eigenen Garten. Auf einer kleinen, handbetriebenen Kardieranlage verarbeitet sie die gewaschene und getrocknete Wolle weiter.

Einen Teil der Alpaka-, Angora- und Schafwolle spinnt Sabine selbst von Hand. Kleinere Mengen kann sie im ca. 30 km entfernten Lannach spinnen lassen, für größere Mengen hat sich eine Kooperation mit einer Spinnerei im Salzburger Lungau (rund 175 km entfernt) ergeben. In der Spinnerei achtet sie darauf, dass ihre Wolle nicht mit anderen Wollen vermischt wird.

Alpakafaser zweifach versponnen.

Sehr besonders finde ich, dass Sabine auch außergewöhnliche Fasern, wie z.B. Hundehaar verspinnt. Unter anderem bekommt sie Hundehaare von einer Auffangstation für tschechische Wolfshunde, aber auch viele Anfragen von Privatpersonen.

Das Spinnen ist im Übrigen eine Wissenschaft für sich, und auch die Art des Spinnens hat großen Einfluss auf das Endprodukt. Eine maschinenversponnene Faser ist zum Beispiel härter als eine handversponnene, und beim Handspinnen hat Sabine unzählige Möglichkeiten. In ihrer Spinn-Ausbildung hat sie eine große Vielfalt verschiedener Techniken erlernt: Sie kann mit Kämmen ein Kammgarn machen, das ist glatt und hat wenig Luft drinnen. Sie kann es kardieren, dann hat es viel Luft drinnen. Sie kann es 2-fach oder 4-fach verspinnen. Wenn Sabine weiß, wie ich stricke, dann kann sie die Faser beim Spinnen für mich anpassen. Sockengarn braucht ein bisschen ein runderes Garn, während sie fürs Weben eher nur ein Single Garn spinnt.

Wie das Garn gesponnen ist, hat also Einfluss auf das spätere Ergebnis. Und umgekehrt.

„dej_gwand“ Label

Sabine vertreibt ihre Wolle unter dem Label „dej_woîn“ (Dialekt für „deine Wolle“) und bring in Kürze auch eine steirische Kollektion unter dem Label „dej_gwand“ (Dialekt für „deine Kleidung“) heraus: moderne Schnitte aus traditionellen Materialien.

Auch beim Vertrieb bleibt Sabine regional: Anstatt ihre Wolle in die halbe Welt zu verschicken, bringt sie sie persönlich zu nahe gelegenen kleinen Geschäften. Aus der Region, für die Region, mit möglichst kurzen Wegen, kommt sie auch fast ohne Verpackungsmaterial aus.

Jedes Wollknäuel braucht aber eine Banderole, das sieht das Gewerberecht so vor. Die Banderole gestaltet Sabine als gefaltetes DIN-A5 Blatt, auf dem sie den Weg des Produkts komplett nachvollziehbar dokumentiert: Von welchem Bauernhof, wie gewaschen, wo versponnen, wofür ist die Wolle geeignet. Und auch eine kleine Geschichte zur jeweiligen Schafrasse. Wenn man möchte, kann man zum jeweiligen Hof fahren und nachschauen, von welchen Schafen die Wolle kommt.

Zum Trocknen aufgehängte Wollstränge. © Sabine Kainz

Sabine bringt häufig, wenn sie Rohwolle abholt, fertige Garnknäuel mit. Damit die Bauern sehen, welches Produkt aus ihrer Wolle entsteht. Darüber freuen sich die Bauern dann sehr. So schließt sich der Kreis.

Lass uns ein Gespräch starten

Und jetzt zu dir: Hast du Lust bekommen, regionale Wolle aus deiner Umgebung zu verarbeiten? Großer Will-auch-haben!-Wunsch, oder eher: „Nein, danke“? Schreibe einen Kommentar gleich hier drunter und starte das Gespräch mit uns. Wir freuen uns auf den Austausch mit dir!

Und wenn du jemand kennst, der in deiner Region lokale Wolle verarbeitet, dann teile uns bitte die Kontaktdaten dieses Betriebes mit! Entweder über das Formular oder gerne auch per Kommentar, gleich hier drunter, oder per E-Mail. Wie es dir am liebsten ist. Hauptsache, wir finden möglichst viele Anbieter:innen regional gewachsener Fasern.

Infobox

Die Produkte von „die_handwerkstätte“ kannst du nur in der Steiermark kaufen: im Wollkrampus in Lassnitzhöhe, bei AndersArt in Krieglach und im LandLaden in St. Lambrecht.

Vielleicht kommst du ja einmal in unsere Gegend?

Aber Sabines Blog und Podcast kannst du von überall her besuchen! Unter dem Titel „dej_woin“ findest du sie auf Spotify und Apple Podcasts.

Heimelig und unaufgeregt greift Sabine auf ihr molekularbiologisches Wissen zurück, sie erklärt physikalische und chemische Eigenschaften der Garne ganz allgemeinverständlich. Sie nimmt uns mit auf ihren Weg zur eigenen Werkstätte, spricht über Erfolge und Fehlschläge.

Ich freue mich und bin schon sehr gespannt auf die künftigen Episoden, in denen sie auch andere Textilproduzent:innen sowie Künstler:innen interviewen wird.

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